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Über die Bücher

 

László Szilasi: Die dritte Brücke

Élet és Irodalom

KÖNYVKRITIKA - LXI. évfolyam, 10. szám, 2017. március 10.

 

ZAVARBA EJTŐ, MEGHATÓ, KATARTIKUS - VÁLOGATÁS SZILASI LÁSZLÓ A HARMADIK HÍD CÍMŰ REGÉNYÉNEK NÉMET NYELVŰ RECENZIÓIBÓL

Die dritte Brücke, Nischen Verlag, 2015, 380 oldal, 22 euró

 

Szilasi – egyetlen napba sűrítve – képet rajzol egy egész generációról. Egy osztálytalálkozón felszínre törnek a felgyülemlett érzelmek. A végtelenül destruktív, illúzióvesztett társaság a turistalátványosságnak számító Szeged festői kulisszájának ellenpárját képezi. Látszat és valóság ütközik egymással. […] A regény, amelynek cselekménye az 1980-as évektől napjainkig játszódik, társadalmi átalakulásokra reflektál, a változással szembeni ellenállásra és a megtorpanásra, ami nem csak Magyarországra, hanem egész Európára jellemző. A morális állapotokról, az egész létezésről, az országról és a korról szól. […] Tézisek az igazság egyes részleteiről. Leszámolás. Zavarba ejtő, megható, katartikus.

 


 

Gergely Péterfy: Der ausgestopfte Barbar

ask-enciro.com 

 

Man muss sich Zeit nehmen für die Geschichte: es ist keine leichte Kost zum Lesen und doch ist das Buch lesenswert.

Vielleicht ist der Titel ein wenig verwirrend, aber dann doch wieder nicht. Ich hatte eigentlich ursprünglich einzig und allein die Lebensgeschichte von Angelo Soliman erwartet und war daher einigermaßen verwirrt, als anfänglich so gar nicht von ihm die Rede war, sondern das Leben des ungarischen Adeligen Ferenc Kazinczy und seiner Familie im Mittelpunkt der Erzählung zu stehen schien. Ungeduldig wartete ich auf das „Erscheinen“ des „Barbaren“ und erst viele Seiten später wurde mir klar, warum dies so sein musste und auch, dass es einen tiefen Sinn hatte.

Péterfy führt uns damit nicht nur in die Welt Angelo Solimans ein, sondern zeigt uns auch die Welt des Adels und der Bauern, und nimmt den Leser sogar auch ein Stück in die Welt der Freimaurer und des Kaiserhofs in Wien mit. Manchmal brutal und schonungslos offen beschreibt er ohne Tabu die damaligen „Zustände“.

So gibt es in diesem Buch zwei Erzählstränge, die sich immer wieder treffen, eine Zeitlang miteinander einhergehen, wieder auseinander gleiten und sich zum Finale wieder mit einander verbinden.

Beim Lesen des Buches sollte man bedenken, dass Angelo Soliman wirklich gelebt hat, 2011 stand sein Schicksal im Mittelpunkt einer Ausstellung des Wien-Museums. Wahr ist auch, dass dem Leichnam die Haut abgezogen wurde und er für das kaiserliche Hof-Naturalien-Cabinet ausgestopft und präpariert wurde. Soliman stammte wahrscheinlich aus der Sahelzone, geriet als Kind in die Hände von Sklavenhändler und wurde schließlich als Jugendlicher Leibeigner beim Fürsten Lobkowitz und kam anschließend zu Fürst Wenzel von Liechtenstein, wo er bis zum Kammerdiener und Erzieher aufstieg. Auch dass er eine bekannte Figur am Wiener Hof war, einer Freimaurerloge angehörte, verheiratet und Vater einer Tochter war sind historische Tatsachen, ansonsten sind über sein Privatleben allerdings wenig bekannt. Seine ausgestopfte Figur stand bis 1806 im Hof-Naturalien-Cabinet, dann wurde sie in die Reservekammer überstellt und 1848 bei einem Brand der Hofburg vernichtet.

Auch Ferenc Kazinczy und seine Frau Sophia Török sind keine Phantasiefiguren. Kazinczy wurde 1759 geboren und starb 1831 in Széphalom an der Cholera. Seine Tätigkeit als Schulinspektor, die Entlassung aus dem Schuldienst unter Kaiser Leopold II., da er kein Katholik war, wie auch seine Verurteilung wegen vermuteter Beteiligung an der Verschwörung von Martinovics, sowie seine Mitgliedschaft in der Freimaurerloge Zum tugendhaften Kosmopolit in Miskolcz sind historische Tatsachen.

Gergely Péterfy hat an dem Buch zehn Jahre gearbeitet, viele historische Fakten recherchiert und übernommen. Es verschwimmt Fiktion und Realität, lädt dazu ein, sich auf eine historische Reise zu begeben, nachzulesen, weiterzulesen. Und schlussendlich darüber nachzudenken, wer eigentlich die wirklichen Barbaren sind ….

 

Gergely Péterfy: Der ausgestopfte Barbar

Die Presse

Janko Ferk

21. Jänner 2016.

Wer die Barbaren sind

Kulturthriller: Gergely Péterfys penibel rechercierter Roman über Angelo Soliman

Der Nischen verlag legt ein Opus magnun moderner ungarischer Literatur vor: Gergely Péterfys Roman "Der ausgestopfte Barbar". Péterfy, ein Poeta doctus aus der mittleren Schriftstellergeneration seines Landes, hat sich mit professoraler Genauigkeit zehr Jahre an einem Thema agbearbeitet, das hierorts nicht unbekannt ist: Angelo Soliman, über den in Wien schon Theaterstücke aufgeführt wurden...

...Der Roman ist - gerade in der heutigen zeit der Völkerwanderungen aus den sogenannten äremeren Weltgegenden - berührend, bestürzend und ergreifend. Er ist ein - vermutlich kalkulierter -Kulturthriller mit Spannung, der auch die weniger schönen Seiten des Habsburgerreichs anklingen lässt und letzlich die Frage stellt, wer tatsächlich die Barbaren sind....

Der Wiener Übersetzter und Gerichtsdolmetsch György Buda hat sich nach Übersetzungen von Büchern Péter Esterházys, Imre Kertész und Krisztina Tóths neuerlich mit seiner durchtrainierten Übertragungssprache als Könner und Spezialist für die magyarische Gegenwartsliteratur erwiesen.

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Gergely Péterfy: Der asugestopfte Barbar

Neue Zürcher Zeitung

Franz Haas

24. Dezember 2016

Angelo Soliman, der Wiener «Hofmohr», und der adelige ungarische Schriftsteller Ferenc Kazinczy sind die Hauptfiguren eines grandiosen Romans, der von Vergangenheit handelt und auf Gegenwart zielt.

Der opulente und erschreckend aktuelle Roman, der nun im Wiener Nischen-Verlag erschienen ist, wird hoffentlich kein literatischer Eckensteher bleiben. Es ist dies eine grandiose österreichisch-ungarische Parallelgeschichte um zwei historisch authentische Persönlichkeiten aus dem 18. und 19. Jahrhundert, über Rassismus, Gegenaufklärung und jene Frendfeindlichkeit, für die man nicht nur in Wien und Budapest auch heute wieder anfällig ist... Im gegenwärtigen xenophoben Ungarn meldet sich der Philologe und Autor Pétery oft kritisch zu Wort (auch in der inzwischen eingestellten Zeitung "Népszabadság"). Sein Roman, an dem er zehn Jahre gearbeitet hat, sei eigentlich nicht als Einspruch gegen heutige autoritäre Tendenzen geplant gewesen, sagte er 2o15 in einem Interview. Doch als er "das Buch beendete, tobte bereits der politische Wahnsinn unserer Tage, und so kann es aus einer aktualisierenden Perspektive gelesen werden".

Der Roman brilliert mit einer Fülle von historischen Details, einer schneidend geschliffenen Sprache und mit einer raffinierten Erzählkonstruktion....Selten wurde in der Literatur der natinale Bruderzwist in Österreich-Ungarn mit so feinsinnigem Witz erzählt wie von Péterfy in "Der ausgestopfte Barbar".

 

  

Gergely Péterfy: Der ausgestopfte Barbar

Ehinger Bibliothek "Ungarische Literatur in deutscher Sprache -Magyar irodalom német nyelven" e.V.
Gudrun Brzoska

 

"Der ausgestopfte Barbar" ist aber mehr als nur die Geschichte des Angelo Soliman.

Der ungarische Dichter Gergely Péterfy lässt Gräfin Sophie Török, die Witwe des Adeligen Ferenz Kazinczy und Freund Solimans die Geschichte dieser beiden bemerkenswerten Männer erzählen, ihr Schicksal und ihre erfolglosen Bemühungen, die Welt durch die Vermittlung von Einsichten und Wissen ein wenig besser zu machen.

So ist dieses grandiose Buch auch zu lesen als eine Parabel auf die menschliche Bosheit und Dummheit, die die Ideale des Geistes und der Schönheit vernichten. Dass bei allen geschilderten Skurrilitäten immer wieder Humor durchblitzt, macht diesen Roman noch faszinierender.

Das Buch erscheint Mitte September auf Deutsch im Wiener Nischen Verlag, übersetzt aus dem Ungarischen von György Buda. Möchten Sie darüber berichten? Sehr gerne merken wir ein Exemplar für Sie vor!

 

Gergely Péterfy: "Der ausgestopfte Barbar"

Geliebt und verachtet

Von Lerke von Saalfeld

Deutschlandfunk 

21. Dezember 2016

 

Gergely Péterfys Roman "Der ausgestopfte Barbar" spielt in der Wiener Gesellschaft des 18. Jahrhunderts. Der schwarze Kammerdiener Soliman wurde dort zum Musterbeispiel des "edlen Wilden" - bewundert, beneidet, gehasst. Nach seinem Tod ließ man ihn häuten und ausstopfen.

Zehn Jahre hat der ungarische Schriftsteller und Altphilologe Gergely Péterfy, geboren 1966, an seinem Roman über den Afrikaner Soliman, der in der zweiten Hälfte des 18.Jahrhunderts die Wiener Gesellschaft in Erregung versetzte, gearbeitet. Schaurig ist der Titel: "Der ausgestopfte Barbar" – so lautet auch der ungarische Originaltitel – und noch schauriger ist, dieser Titel ist ganz wörtlich zu nehmen: Als Soliman 1796 in Wien starb, wurde er auf Geheiß von Kaiser Franz II. gehäutet, ausgestopft und im Naturalien-Cabinett, dem Vorläufer des Naturkundemuseums, wie eine Jahrmarktbudenfigur zur Schau gestellt.

Alle historischen Dokumente belegen, Soliman war eine hinreißend schöne Erscheinung, elegant und gebildet, die europäischen Höfe beneideten Wien wegen dieses Exoten, nur hatte er für das Wiener Publikum ein großes Manko, seine Hautfarbe war schwarz. Mit Hingabe und wundervollen Ausschmückungen beschreibt der Autor das Auftreten und das Aussehen dieser singulären Person, die auch an Bildung der Hofgesellschaft weit überlegen war.

Zwiespältiger Held der Hofgesellschaft

Der erfahrene Übersetzer György Buda verleiht dem Text im Deutschen eigenen Glanz und Würde. Schon in der Zeit der Aufklärung wurde das Bild vom "edlen Wilden" geprägt, Soliman war ein Musterbeispiel dafür. Und ihm widmet der Ungar Péterfy einen ganzen Roman, macht ihn zum zwiespältigen Helden der damaligen Hofgesellschaft, die ihn liebte und verachtete. Péterfy gesellt noch eine zweite Person hinzu, den ungarischen Baron Ferenc Kazinczy. Auch der ist historisch verbürgt.

Kazinczy war ein aufgeklärter Geist, war ein Philosoph und Sprachreformer und Spracherneuerer. Die beiden lernten sich kennen und schlossen auf Anhieb Freundschaft, als Ferenc 27 Jahre alt war und Soliman bereits 65 Jahre zählte. Eines hatten beide gemeinsam, sie waren Freimaurer und gehörten der Loge "Zur wahren Eintracht" an, zu der auch Mozart Verbindung hielt, ebenso wie der Kaiser Joseph II. Logenbruder zu sein, bedeutete damals, "anders" zu sein, sich als Außenseiter in der Gesellschaft zu bewegen, ja sogar als Hochverräter verdächtigt zu werden. Der ungarische Baron büßt für sein Bekenntnis zum Jakobinismus mit sieben Jahren Kerkerhaft.

Roman spielt nur an einem Tag

Der Roman beginnt und endet am selben Tag, es ist der 27.Oktober 1831. Die Ehefrau von Kazinczy, der kurz zuvor an der Cholera gestorben war, ist nach Wien gereist, sie will dem ausgestopften Soliman im Naturalien-Cabinett persönlich in die Augen schauen. Erst in den letzten Tagen vor seinem Tod hat ihr Mann ihr die Lebensgeschichte von Soliman erzählt. Ferenc Kazinczy wollte diese kostbare Freundschaft nicht mit ins Grab nehmen, sie musste erzählt werden als Andenken und Erinnerung an einen besonderen Menschen, der die Hauptrolle in seinem Leben gespielt hatte.

In Rückblenden und Einschüben erfährt der Leser die ganze Absurdität dieser Existenz: Von Sklavenhändlern nach Europa gebracht, erst in Diensten des Fürsten Lobkowitz auf Sizilien, dann verkauft an den Fürsten Liechtenstein in Wien. Sein Schicksal war es, als Hätschel- und Wunderkind der Gesellschaft gefeiert zu werden und gleichzeitig Ziel übelster Intrigen und Gemeinheiten zu sein. Ähnlich erging es auch dem ungarischen Ehepaar Kazinczy. Durch die Gefängnishaft des Mannes und seine aufklärerischen Gedanken verliert er sein gesellschaftliches Ansehen und wird ebenfalls zum Objekt infamer Intrigen.

Soliman und Kazinczy, der eine Afrikaner, der andere Ungar, haben viel gemeinsam, fühlen sich als Brüder. Die Ehefrau Sophie ist nicht eifersüchtig. Als sie in einem mit rotem Stoff ausstaffierten Schrank den lebendigen Toten sieht, da fühlt sie – und dies sind die letzten Worte des Romans, "dass ich vor mir selber stand".

Umgang mit dem Fremden

Péterfy hat aus diesem Stoff keinen gewöhnlichen historischen Roman geformt, er erzählt vielmehr, sehr raffiniert verschlungen, wie eine Gesellschaft mit dem Fremden umgeht, was sie anzieht und was sie abstößt. Dabei ist nicht nur Soliman der Ausgegrenzte, auch Ferenc Kazinczy gerät mehr und mehr an den Rand der Gesellschaft und wird von seiner ungarischen Verwandtschaft verstoßen und in Armut gestürzt. Die Merkwürdigkeit beim Schreiben an diesem Roman ist, aus der historischen Kulisse schält sich durch den Umgang mit Flüchtlingen in Ungarn heute unter Viktor Orbán mehr und mehr ein reales aktuelles Szenario heraus – eine Lesart, die der Autor nicht zurückweist, aber er betont, "ich hoffe, dass diese Aktualität des Buches schnell vergeht. Ich bin trotz allem optimistisch. Ich sehe ein System, das unter der eigenen Last zusammenbricht."

Übrigens, der ausgestopfte Soliman ist nicht mehr zu besichtigen. In den Wirren der Revolution von 1848 vernichtete eine Feuersbrunst dieses Denkmal der Grausamkeit.

 

 

Gergely Péterfy: Der ausgestopfte Barbar

Süddeutsche Zeitung, 15. Dezember 2016

Wilhelm Droste

Der Schwarze Freund - In seinem Roman "Der ausgestopfte Barbar" hält Gergely Péterfy den Ungarn der Gegenwart den Spiegel vor

...Unübersehbar webt er den historischen Figuren höchstaktuelle Züge der ungarischen Gegenwart ein: das ratlose Schwanken der Intelligenz angesichts einer Welt, die nicht (mehr) auf sie hört, den leicht entzündbaren Sprengstoff in den deklassierten Massen, die sich zu Schlägern und fanatischen Hooligans etwickeln, wenn sie glauben, endlich die Sündenböcke für ihr Elend gefunden zu haben. Und nicht zuletzt den brutalen Umgang mit dem exotisch fremden. Man feiert sich als aufgeklärt und christlich, schreckt aber vor keiner Barbarei zurück.  Es fehlt all überall an Sprache. Statt Verständigung feiert sich in allen Gruppen der gesellschaft der Unverstand. Hier sind wir mitten id der aktuellen ungarischen Krise und zugleich im Mittelpunt des Romans...

 

Gergely Péterfy: Der ausgestopfte Barbar

Wellcome - Das Online-Magazin für die schénen Stunden des Lebens
13. Dezember 2016


"Der ausgestopfte Barbar" ist aber mehr als nur die Geschichte des Angelo Soliman. Der ungarische Schriftsteller Gergely Péterfy lässt Gräfin Sophie Török, Witwe des Literaten und Spracherneuerers Ferenc Kazinczy und Freund Solimans die Lebensgeschichte dieser beiden bemerkenswerten Männer erzählen. Kazinczy wurde wegen Verbreitung jakobinischer Schriften und der Teilnahme an einer Verschwörung beschuldigt und war sieben Jahre in Haft. Wie sein Freund Soliman bemühte er sich bis an sein Lebensende vergeblich, die Welt durch die Vermittlung von Einsichten und Wissen ein wenig besser zu machen.

So ist dieses grandiose Buch auch zu lesen als eine Parabel auf die menschliche Bosheit und Dummheit, die die Ideale des Geistes vernichten. Dennoch bleibt bei allen geschilderten Skurrilitäten, Grausamkeiten, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Korruption der Humor, eher Galgenhumor, nicht auf der Strecke.

 Mit dem historischen Thriller ist Gergely Péterfy ein unglaublich faszinierendes und gleichzeitig erschütterndes Meisterwerk gelungen - spannend bis zum Schluss.

 

Gergely Péterfy: Der ausgestopfte Barbar

Helmuth Schönauer 06/11/16

www.schoenauer-literatur.info

 

Der ausgestopfte Barbar

Nach einem weit verbreiteten Kunstempfinden gilt die Ausstopfung als Steigerung der Skulptur. Wenn du wirklich ein echtes Denkmal willst, musst du den Helden ausgestopft aufstellen. Im österreichischen Literaturmuseum sind daher die wichtigsten Dichter mehr oder weniger ausgestopft dargestellt.

Gergely Péterfy greift diesen Ausstopfungsprozess auf, um das Schicksal eines politischen Sprachvisionärs aufzuzeigen. Im Jahr 1831 fährt Sophie Török von Ungarn nach Wien, um im Hof-Naturalien-Cabinet den ausgestopften Angelo Soliman zu besichtigen, der seinerzeit seine schwarze Haut auf Befehl des Kaisers seinem Freund hinterlassen musste. Dieser Freund ist der Schriftsteller und Sprachforscher Ferenc Kazinczy, der Ehemann von Sophie Török, der gerade eine Gefängnisstrafe in Kufstein absitzt, wohin man ihn wegen Verbreitung freimaurerischer Schriften gesteckt hat.

In diesem unseligen Jahr 1796 stirbt das Kunstgenie Angelo Soliman, das nicht nur wegen seiner Hautfarbe die Monarchie zu Bewunderung und Argwohn angeregt hat. Als Freimaurer wird er enttarnt und geächtet, seine Ironie erscheint allen als gefährlich. „Wer ist der größere Barbar von uns beiden?“ sagt er zu Ferenc, der ab nun die Bekämpfung des Barbarentums zu seiner Lebensaufgabe macht.

Sophie steht vor dem Ausgestopften und lässt in elf Kapiteln die habsburgisch unterdrückte Geschichte Ungarns auf sich einwirken. Ihr Leben spielt sich im Osten des Landes ab, zentraler Ort ist wohl Kosice, wo sich eine selten freie Kultur entwickelt hat.

Ihr Mann Ferenc hat vom exotischen Bildungsexperten Angelo für sich den Auftrag abgeleitet, dem Land zu einer eigenen Sprache zu verhelfen, denn nur, wer eine ausreichende Sprache hat, kann auch Selbstbewusstsein und Nationalstolz entwickeln. Fernec ist nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis noch gut drei Jahrzehnte lang unterwegs, um das Ungarische zu einer „tragfähigen Staatssprache“ zu machen. Oft muss er Wörter erst erfinden, um dadurch das Land weiterzuentwickeln.

Sophie nützt die Kraft eines Ausgestopften, um eine Epoche erzählerisch aufzudröseln und gleichzeitig als logisch geformten Ereignisblock als Ganzes zu erfahren. Für den Leser entsteht dabei eine grandiose Biographie über einen der größten ungarischen Sprachforscher und Spracherfinder. Je irrealer der Anlass dieser Betrachtungen ist, umso logischer leitet sich daraus die Geschichte des Ferenc Kazinczy ab.

Die hoch sensible und bestens ausgebildete Erzählerin löst sich dabei von ihrem frisch an der Cholera verstorbenen Mann ab und wendet sich der Hülle des Freimaurers zu, der gerade deshalb so glaubhaft ist, weil er seine Haut zu Markte trägt. So wird das Museum zu einem ironisch irritierenden Erinnerungsort und stellt alle Ausstopfungsprozesse bis herauf zum österreichischen Literaturmuseum in Frage.

Eine anstrengender, schmerzhafter, aber atemberaubend kluger Roman. Und der Nischen Verlag ist dabei das größte Glück, das Ungarn in den letzten fünf Jahren widerfahren ist, darin werd

 

Gergely Péterfy: Der ausgestopfte Barbar

Der Standard
31. Oktober 2016.
Georg Auenhammer



Gergely Peterfys historischer Roman Der ausgestopfte Barbar ist aber mehr als nur
die Lebensgeschichte des Angelo Soliman. Es ist luzid eine Metapher über Heimat und M Fremde, eine Parabel auf die menschliche
Bosheit, Dummheit und Niedertracht, die die Ideale des Geistes vernichten. Trotz der geschilderten Skurrilitäten und Grausamkeiten bleiben Humor, Geist und Opulenz nicht auf der Strecke. Renaissance pur.
Der ungarische Schriftsteller lässt eine Gräfin Török, Witwe des Literaten und Spracherneuerers Ferenc Kazinczy und Freund Solimans die Geschichte der beiden Protagonisten erzählen. Kazinczy wurde wegen Verbreitung jakobinischer Schriften des Ketzertums und der Teilnahme an einer Verschwörung beschuldigt und war jahrelang in Haft. Wie sein Freund Soliman bemühte er sich bis an sein Lebensende vergeblich, die Welt durch die Vermittlung von Einsichten und Wissen ein wenig besser zu machen. Wie zeitgemäß der eigentlich historische Roman ist, wird anhand offener Fremdenfeindlichkeit, xenophober
Vorurteile, rassistischer Statements, Taten und Worte fast täglich vor Augen geführt. Der kakanische Kulturthriller ist mehr als nur Lokal- und Zeitkolorit der Habsburger Monarchie.

 

Gergely Péterfy: Der ausgestopfte Barbar

Die Presse, 22.Oktober 2016

 

Der "Hofmohr", der nicht sterben durfte

Die spannende Geschichte um Angelo Soliman hat die Fantasie der Historiker seit jeher beschäftigt. 1721 in Afrika geboren, als Kindersklave zunächst nach Sizilien verkauft, machte der "Hofmohr" ab 1753 als Vertrauter der Fürsten Liechtenstein in Wien Karriere. Seine Bildung ließ ihn zum Erzieher der fürstlichen Kinder avancieren, die Freimaurer schätzten ihn als exotisches "Aushängschild". Soliman, der mit Mozart bekannt war, heiratete schließlich und lebte einige Jahre als Privatmann und Hausbesitzer in der Vorstadt. Er war eine auffallende Erscheinung in der Wienerstadt. Sein Leichnam wurde auf Befehl von Kaiser Franz II. prä- pariert, indem man die Haut abzog und über eine Holzfigur zog. So präsentierte man den "Mohren" im Hof-NaturalienCabinet, Vorgänger des heutigen Naturhistorischen Museums. Der neue Roman Peterfys hält den Leser bis zum Schluss in Spannung. Ein Kulturthriller, der letztlich die Frage offenlässt: Wer ist hier eigentlich der Barbar? Der Verlegerin Zsöka Lendvai ist jedenfalls zu gratulieren.

 

Ferenc Barnás: Ein anderer Tod

Insa Wilke

Süddeutsche Zeitung
12. September 2016.

 

Das Blaue vom Himmel

Der ungarische Schriftsteller Ferenc Barnás fordert in seinem Roman "Der andere Tod" den Möglichkeitssinn heraus. Mit dem Mut der Verzweiflung stellt er sich den Schreckensbildern im kollektiven Unbewussten.

Eine empfindsame Seele ist dieser Erzähler, zu durchlässig für die Schatten seiner Zeit

...Ferenc Barnás, geboren 1959 und eine weitere starke, seit Eva Zadors Übersetzung seines beeindruckenden Romans "Der Neunte" unbedingt auch in Deutschland zu beachtende Stimme der ungarischen Literatur, entwirft in seinem vierten Roman "Der andere Tod" das Bewusstsein eines solchen Menschen. Das wird nicht so gesagt, aber es lässt sich an der Syntax, am Kreiseln seiner Sätze, an ihrer manischen Unschlüssigkeit, ihrem mechanischen Bemühen um Präzisierung ablesen: "Es ist schwer, über das Ganze zu reden", so dieser Mensch, "denn damals bekam ich diesen Anruf aus Deutschland, und in den Tagen war das auch mit der Notaufnahme, beziehungsweise war noch etwas - an den Rest erinnere ich mich kaum. Höchstens an ein, zwei Sachen. Genauer umreißen könnte ich das aber nicht."...

Der da anhaltend unbestimmt von "ein, zwei Sachen", "den Geschehnissen", "solchen Dingen", einem "das" und einem "so" spricht und sich mitzuteilen versucht, ist ein ehemaliger Musikdozent, Anfang vierzig, von Nudeln mit Tomatensoße und Wein lebend, mal als ein musizierender "Straßennirgendwas" in europäischen Kleinstädten unterwegs, dann wieder sich verzettelnd vertieft in sein literarisches Opus Magnum namens "Variationen" und sich schließlich als Saalwächter in einer Galerie (oder à la Dürrenmatt in der Psychiatrie?) immer weiter und weiter in seine Gedanken bohrend.

Er wohnt meistens in Budapest, in den Jahren nach der Wende, in einer Zeit der neuen europäischen Kriege und der Aufbruchsstimmung also, die heute, im Rückblick, als Stagnation erscheint, in der die alten, wundersam anpassungsfähigen Eliten sich in aller Ruhe in die neuen Eliten verwandeln konnten. Eine empfindsame Seele ist dieser Erzähler, zu durchlässig, zu empfänglich für die Schatten seiner Zeit und das Leid der Epoche. Denn es seien die Schatten, so der Erzähler, mit denen alles beginne, jedes Leben und jede Zeit.

"Der andere Tod" ist 2013 in Ungarn erschienen. Er wurde mit dem Literaturpreis des Versicherungskonzerns Aegon ausgezeichnet, für den stets die wichtigsten Autoren Ungarns - von Péter Esterházy über György Dragomán bis zu Krisztina Tóth und László Krasznahorkai - nominiert wurden. Ob ein Roman wie "Der andere Tod" heute wohl verboten würde? Die Frage ist noch Unsinn, auch wenn die mentalen und politischen Vorgänge, von denen ungarische Intellektuelle und Künstler berichten, an andere Zeiten erinnern.

Je befremdeter man auf dieses Buch schaut, desto bezwingender wird seine Logik

...Die Frage nach der zeitgemäßen Unzeitgemäßheit dieses Romans kommt einem bei der Lektüre wohl auch in den Sinn, weil dieses Buch tatsächlich den Debatten um Formalismus, die Krise des Romans, den Zwanziger- und Dreißigerjahren des vergangenen Jahrhunderts entsprungen zu sein scheint. Er habe sich nie auf eine Logik einlassen wollen, erklärt der Erzähler sich und uns, "die Satz auf Satz aufbaute. Ich wollte ein im Raum atmendes Denken erschaffen". Simultanität, Fragment, für ungarische Leser vielleicht auch die Montage - alles wieder da, selbst die freundlich-indifferente Nötigung, jede Konsumhaltung aufzugeben und sich ganz romantisch ins verwirrende Chaos der Fetzen und Eindrücke zu stürzen.

Anachronistisch mutet das an, und mancher würde vielleicht auch müde auf Peter Weiss und Thomas Bernhard verweisen und sagen: Hatten wir doch alles schon. Mag sein. Dann gibt es jetzt eben noch so einen großartigen literarischen Fahrtenschreiber des kollektiven Unbewussten, der uns mit wortreicher Stille anschaut und fragt: "Was geschieht eigentlich mit uns?" Wenn es nun so ist, dass es wieder "solche" Menschen gibt, die "drinnen draußen sind" und an den Verhältnissen einsam verzweifeln, bis sie sich eingestehen: "Ich wusste nicht ganz genau, was ich suchte, denn in den Minuten wusste ich nicht ganz sicher, ob ich ich war, ob ich es war, der den Deckel der Mülleimer aufmachte, deshalb wusste ich offensichtlich auch nicht, was ich suchte."

Wenn das eben "so" ist, wäre es dann nicht konsequent, diesen Wahnsinn auch in die Form zu übertragen und sich ihr auszusetzen? Es ist eine Möglichkeit, und es kommt darauf an, sie zu schreiben. Mit anderen Worten: Je befremdeter man auf dieses Buch schaut, desto bezwingender sind seine Logik und Wirkung.

 

Ferenc Barnás: Ein anderer Tod
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Jörg Plath
23. Aug. 2016


Die Kunstgalerie als Rückzugs- und Rettungsort
Ferenc Barnás hat mit "Ein anderer Tod" erst seinen vierten Roman geschrieben, doch er gilt in Ungarn schon als einer der wichtigsten Gegenwartsschriftsteller

....Barnás hatte schon in seinem ersten auf Deutsch übersetzten Roman (seinem dritten insgesamt) beachtliches, auch klaustrophobisches Talent bewiesen...In "Ein anderer Tod" erspart Barnás dem Leser keine Not. Die Lektüre vermag, Atemnot auszulösen. Sein zweiter Roman, wieder von Eva Zador in ein drängendes Deutsch übersetzt und 2o13 als das beste ungarische Buch des Jahres ausgezeichnet, erzählt mit großem Ernst und ohne avantgardistische Verrenkungen von einer Existenz nahe am Nullpunkt. Die am Ende angedeutete Teilrekonvaleszenz verdankt sich dem Schreiben: Das Manuskript bietet dem Anderen im Protagonisten einen Ort. Das Schreiben entlastet von der gefürchteten, angsterregenden Parallelwelt, und es führt dank eines Stipendiums aus der Galerie hinaus in die Vereinigten Staaten. Es gibt also Anlass zur Hoffnung. Wenn dazu noch Kraft verblieben sein sollte.

 

 

Ferenc Barnás: Ein anderer Tod

Cornelius Hell

ORF-Ex-libris

19.06.2016.

 

Der Zerfall der Wahrnehmung und der Zerfall einer Lebenswelt – das vor allem ist es, was der Roman „Ein anderer Tod“ des ungarischen Autors Ferenc Barnás ebenso beklemmend wie suggestiv in Szene setzt. Die Unsicherheit eines Ich bezüglich alltäglicher Tatsachen, Zeitebenen und Erinnerungen schafft schier endlose Variationen einer Suada, mit der der Ich-Erzähler sich immer wieder gerade über Wasser hält. Er wohnt in einer Einzimmerwohnung eines heruntergekommenen Jugendstilhauses in Budapest. Heruntergekommen ist dieses Haus schon im Kommunismus, und seither geht die Verwahrlosung weiter. So kommen ungarische Geschichte und Gegenwart in den Focus des Romans. Und durch die Interaktionen mit den Bewohnerinnen und Bewohnern des Hauses auch der Mikrokosmos des Alltags.

Dass der Ich-Erzähler bessere Zeiten gesehen hat, ist noch nicht so lange her, wie dass das Haus intakt war. Reisen in die Schweiz werden erinnert – dort war der Erzähler als Straßenmusiker unterwegs. Zumindest im Sommer, denn eigentlich war er ja Lehrer. Er musste halt, wie viele Menschen in Ungarn, dazuverdienen, weil das Gehalt nicht reichte. Bei der letzten Schweiz-Reise ist er “in einen solchen Zustand“ geraten, wie er sich ausdrückt. Seine Ich-Grenzen verschwimmen, oder in seinen eigenen Worten gesagt, die weniger abstrakt sind: Manchmal verwechsele ich, wo genau ich was sage, wenn überhaupt ich es sage, denn zuweilen habe ich das Gefühl, als sagte gar nicht ich das, sondern der andere. Ich und der andere. Falls nicht ich von vornherein der andere bin.

Vielleicht muss er gerade deswegen seine Wohnung im vierten Stock vergittern lassen. Dort ist er eingebunkert, er wird seit Jahren von niemandem besucht. Von seiner Frau wurde der Einundvierzigjährige wegen eines jüngeren Mannes verlassen. Nicht nur die Ich-Grenzen, auch die räumlichen und zeitlichen Parameter verschwimmen ihm. Er resümiert seinen Zustand: Wenn du dich von Zeit zu Zeit in einer Einzimmerwohnung verschließt, die sich ohnehin außerhalb von vielem befindet, beginnen die Sachen ihr eigenes Leben zu leben, das kann so weit führen, dass du von Zeit zu Zeit selbst nicht mehr weißt, wann wo was passiert.

Auch die äußeren Umstände seines Lebens sind trist: Er hat Außenstände und Schulden. Seine Stelle als Lehrer hat er gekündigt, Dozent an der Universität ist er schon lange nicht mehr. Sein Tiefpunkt war die Arbeit in einem Parkhaus. Jetzt ist er Aufseher in einem Museum. Doch auch in dieser Arbeit zeigen sich seine großen Probleme, einen kontinuierlichen Alltag zu meistern und Sozialkontakte auch nur einigermaßen durchzustehen. Immer wieder kehrt die Erinnerung an die Notaufnahme der Psychiatrie wieder – zweieinhalb Monate nach der letzten Schweiz-Reise.

Dazwischen tauchen andere Erinnerungen auf – vor allem die an Michael, den Kellner im bayrischen Bad Heim, mit dem der Erzähler sich angefreundet hat, als er im Deutschland als Vortragskünstler unterwegs war. Michael unterstützte ihn dann, damit er an einem literarischen Werk mit dem Titel „Variationen“ arbeiten kann. Er meinte: „Du gibst deine Arbeit auf und schreibst den Roman, den Rest erledige ich.“ Michael war ein Seelenverwandter, der ebenfalls die Nervenklinik von innen kennenlernen musste. Er hat sich das Leben genommen.

Der Roman konzentriert sich keineswegs auf seinen aus dem Leben herausgefallenen Erzähler. Dessen psychische Probleme sind aufs Engste mit dem Zustand der ungarischen Gesellschaft verbunden. In seinen Monologen sind nicht nur die langen Schatten der ungarischen Nationalsozialisten, der Pfeilkreuzler, präsent, sondern auch die gleichfalls nicht aufgearbeitete kommunistische Vergangenheit, vor allem die Light-Variante der Diktatur unter János Kádár. Eine Romanfigur weiß davon ein Lied zu singen: Der war Pfeilkreuzler, dann Kommunist, dann wurde er Demokrat oder Christ, einer vom Fidesz oder Freier Demokrat, dabei ist jeder zweite ein Kádárist, das wissen sie nicht, schau nur, schau, der Mistkerl stopft sich Speck ins Maul.

Das ist sozusagen eine Ausnahme-Stelle, denn die Stärke des Romans „Ein anderer Tod“ ist ja gerade, dass er keine Diagnosen stellt: weder für die Gesellschaft noch für den Erzähler. Seine Beschreibungen der eigenen Zustände werden auf keinen abstrakten Begriff gebracht und involvieren gerade so den Leser, dem sie den bequemen Zugang des Mitleids abschneiden. Die konsequent durchgehaltene Ich-Perspektive des Erzählers bewährt sich, weil sie Selbstdeutungen vermeidet und Fremddeutungen ausschließt. Außerdem verfügt Ferenc Barnás über eine schmucklose und genaue Sprache sowohl für die psychischen Zustände wie für die Reminiszenzen seines Erzählers und auch für das facettenreiche Bild von Budapest, das dieser Flaneur entstehen lässt.

Die Übersetzerin Eva Zador hatte da sicher einiges zu bewältigen, und leider ist es ihr nicht überall gelungen. Gelegentlich finden sich unpassende Ausdrücke, wenn etwa statt „sie schauen bei uns vorbei“ ein „sie sehen bei uns vorbei“ verwendet wird. Was aber vor allem irritiert, sind die unzähligen inkorrekten Relativsätze nach dem Muster: an das ich gedacht habe oder von was ich lebte. Die Relativadverbien woran, wovon oder womit scheint die Übersetzerin nicht zu kennen.

Nachhaltig beschädigt ist der Roman dadurch freilich nicht. Wer ihn liest, wird hineingezogen in die ungarische und europäische Gegenwart, vor allem aber in das Innenleben und die gestörte Wahrnehmung seines Erzählers. Und er wird nachdenken über die Grenze zwischen Normal und Pathologisch, denn der Erzähler rückt einem ja gerade dadurch auf den Leib, dass man etliche der beschriebenen Zustände auch selbst kennt. Das alles ist nicht gerade wenig für einen Roman, und es weist Ferenc Barnás als großen Erzähler Ungarns aus. 

 

Ferenc Barnás: Ein anderer Tod

Logisch, dass der Spaziergänger in Budapest unlogisch wirkt

Kurier, 04.06.2016

Peter Pisa

Ferenc Barnäs wird langsam außerhalb Ungarns entdeckt

 

Es ist nicht ausdrücklich die Zeit Viktor Orbáns gemeint, aber man kann sich ja vorstellen, dass es auch passt, wenn jemand
in der psychiatrischen Klinik sagt: "Ich mache alles, was man mir sagt. Ich glaube, deswegen bin ich auch dahin geraten,
wohin ich geraten bin."
Man kann sich vorstellen, dass es mit dieser Regierung zu tun hat, wenn jemandem, der durch Budapest spaziert
und Blödheiten aufdeckt, übel wird und er sich auf der Stelle hinlegen muss...
Mit "Ein anderer Tod" stellt der Nischen Verlag einen zweiten Roman des Ungarn Ferenc Barnás vor, der dem Leser mehr abverlangt
als "Der Neunte" über eine bettelarme zwölfköpfige Familie in den 1960ern: Ein ehemaliger Musiklehrer versucht,
seinen geistigen Verfall aufzuhalten - und ist dabei hellsichtig. Es ist nur logisch, dass das Buch mitunter

unlogisch wirken muss. Am klarsten in diesem durchaus spannungsgeladenen Geflecht ist die Sprache. 

 

Ferenc Barnás: Ein anderer Tod

Lesen in Tirol, Helmuth Schönauer

14/05/16

 

Ferenc Barnás gelingt etwas, das alle Schreibwerkstätten und Erzähllehrstühle ad absurdum führt, er fesselt die Leserschaft mit einem sperrigen Textblock, der nicht einmal Roman genannt wird und kaum Handlung, Zeitgeist oder Didaktik enthält....

Aus dem kalten Stoff von Warten, Zögern und Neuanfang entsteht eine beinahe eingefrorene Stimmung. Aber vielleicht hat sich doch etwas getan, denn den Wandel merkt man erst im Nachhinein.

Oder vielleicht ist das alles nur eine andere Art von Tod, immerhin beten sie am Michaelstag um einen schönen Tod. - Ein Psychogramm einer lädierten Gesellschaft. 

 

"Ein anderer Tod": Roman von Ferenc Barnas

ORF, Mittagsjournal, 27.4.2016, Wolfgang Popp

 

Als Reaktion auf die restriktiv-konservative Regierung blüht die ungarische Gegenwartsliteratur wie selten zuvor. Jüngstes Beispiel ist Ferenc Barnas' Roman "Ein anderer Tod", der einen ganz ungewöhnlichen Ich-Erzähler durch die Straßen der ungarischen Hauptstadt flanieren lässt.

Ein tragischer Schelm zieht durch Budapest

2011 gründete Osteuropa-Experte Paul Lendvai gemeinsam mit seiner Frau Zsoka den Nischen-Verlag, der der ungarischen Gegenwartsliteratur im deutschsprachigen Raum zu verstärkter Aufmerksamkeit verhelfen will. Trotz der restriktiv-konservativen Atmosphäre des Orban-Regimes gab es da zuletzt erstaunliche Neuentdeckungen. Jüngstes Beispiel ist der dieser Tage erschienene Roman „Ein anderer Tod“ von Ferenc Barnas, in dem ein psychisch labiler Ich-Erzähler seinen eigenen Zustand und den der ungarischen Gesellschaft unter die Lupe nimmt.

Das Leben dieses Ich-Erzählers ist von scharfen Kurven und überraschenden Wendungen bestimmt. Während er sich als Straßenmusiker finanziell über Wasser hält, schafft er es, sein Studium zu beenden und einen gutbürgerlichen Job als Lehrer an Land zu bekommen. Doch gerade als er glaubt, es geschafft zu haben, erfolgt der psychische Zusammenbruch. Sein Leiden ist eine Mischung aus Paranoia, einer manisch-depressiven Störung und einer Hypersensibilität, die ihn aber unglaublich scharfsichtig macht.

Zeitreise im Kopf des Erzählers

"Das schwierige Leben interessiert mich", sagt Ferenc Barnas: "Weil in den schwierigen Situationen kann man mehr über sich selbst und vielleicht auch über die Welt erfahren." Und so schlüpft der Leser in den Kopf dieses labilen, aber überaus weisen Erzählers und flaniert mit ihm durch die Straßen Budapests. Der Weg durch die Stadt wird dabei gleichzeitig zu einer Reise durch die Zeit, denn die Geschichte ist für seine Hauptfigur, so Ferenc Barnas, eine im Moment pulsierende Erfahrung.

In Ungarn ist "Ein anderer Tod" 2012 erschienen, zwei Jahre nach der Wahl Viktor Orbans zum ungarischen Ministerpräsidenten. Die psychischen Probleme seines Ich-Erzählers seien deshalb auch eng mit der Situation der ungarischen Gesellschaft verbunden, so Ferenc Barnas, denn natürlich habe diese Atmosphäre auf sein Schreiben abgefärbt.

Gefährlicher Dilettantismus

"Ich sehe sehr viel Dilettantismus im Bereich der Kultur - und das ist sehr traurig. Als ob dieser Dilettantismus noch gefährlicher wäre, als der politische Kurs." Ferenc Barnas lebt mittlerweile übrigens die Hälfte des Jahres in Indonesien. Das gibt ihm die nötige Distanz, um die Folgen der Orban-Regierung auf das kulturelle Leben im Land klar einschätzen zu können.

Es sind einige falsche Lieder und Missklänge, die Ferenc Barnas in "Ein anderer Tod" entlarvt. Und weil er seinen Ich-Erzähler dabei mit überraschenden Rundumschlägen und einer entwaffnenden Offenheit durch die Welt stolpern lässt, ist Barnas mit diesem Buch fast so etwas wie ein tragischer Schelmenroman gelungen.

 

 


 

László Szilasi: Die dritte Brücke

Ge­fühls­kal­te Stadt des Son­nen­scheins

Der Standard

30. August 2016

 

Lá­szló Szi­la­si zeigt das pit­to­res­ke Sze­ged von sei­ner schmut­zi­gen, übel­rie­chen­den Sei­te – und se­ziert qua­si im Vor­beige­hen die mo­der­ne un­ga­ri­sche Ge­sell­schaft.

 

 

Pe­tra Stui­ber

s stand ih­nen ins Ge­sicht ge­schrie­ben. Ließ sich nicht ver­leug­nen, war un­miss­ver­ständ­lich. Da­bei war zu se­hen (....), dass sie sich red­lich an­streng­ten, von uns zu den­ken, was sie in solch ei­ner Si­tua­ti­on po­li­tisch kor­rekt den­ken muss­ten (...). Da­run­ter je­doch grum­mel­te und gär­te die mitt­le­re Ge­halts­klas­se in ih­nen, die ewig ist (...).“

Nir­gend­wo ist das Le­ben für Ob­dach­lo­se leicht, aber – das wird im Ver­lauf die­ser Ge­schich­te dras­tisch ge­schil­dert – be­son­ders schwer ist es im heu­ti­gen Un­garn, das voll ist von Men­schen, die sich ab­mü­hen und flei­ßig sind, die „Ak­ti­ven und Be­wuss­ten“, wie es an die­ser Stel­le heißt, die an­ge­sichts ei­ner An­samm­lung von Ob­dach­lo­sen um ei­nen öf­fent­li­chen Brun­nen nicht um­hin­kä­men zu den­ken, „dass all die­ses Elend, das sie jetzt hier um sich he­rum ge­zwun­gen wa­ren zu se­hen, um ehr­lich zu sein, doch das voll­kom­me­ne Feh­len von Fleiß sei“.

Das mit dem Fleiß ist frei­lich re­la­tiv: Die Pro­ta­go­nis­ten in Die drit­te Brü­cke, ge­nannt Ro­bo­ter, No­szta, An­gel, die Droll, Opa Fon­due, Mars und An­na, sind, ge­zwun­ge­ner­ma­ßen, al­les an­de­re als faul, um auf dem har­ten Pflas­ter von Sze­ged zu über­le­ben. Ih­re Na­men sind Kunst, wie ih­re – teils selbst­er­fun­de­nen – Bio­gra­fien, ih­re Sicht auf die Welt und ihr täg­li­ches Über­le­ben. Sie sind Ge­stran­de­te am Zu­sam­men­fluss von Theiß und Mie­resch in der süd­un­ga­ri­schen Stadt Sze­ged, der dritt­größ­ten Un­garns, auch we­gen sta­tis­tisch über 2000 Son­nen­stun­den pro Jahr „Stadt des Son­nen­scheins“ ge­nannt.

Nun wä­re es über­trie­ben zu be­haup­ten, dass für die Grup­pe un­ter der Füh­rung von Ro­bo­ter die Son­ne nie­mals schei­ne. Das tut sie, es gibt Mo­men­te der Zu­frie­den­heit, der Läs­sig­keit und des Aus­ru­hens – aber zu­meist ist es Stress, Angst vor Ge­walt und Ver­trei­bung, Ab­leh­nung und die ru­he­lo­se, an­dau­ern­de Be­we­gung, zu der vor al­lem Ro­bo­ter im­mer an­treibt. Er, der in ei­nem frü­he­ren, bürg­er­li­chen, Le­ben Pe­ter Fog­horn hieß und ein beg­na­de­ter Mu­si­ker ist, hält die Trup­pe zu­sam­men. Er um­kreist sie wie ein Hü­ter­hund sei­ne Her­de, treibt sie im­mer wei­ter, weil er weiß, dass je­der Still­stand das Ab­sin­ken und letzt­lich Ver­sin­ken in noch grö­ße­res Elend und Tod be­deu­te­te.

Düs­te­res Ge­heim­nis

Der Au­tor des Bu­ches, der Li­te­ra­tur­his­to­ri­ker Lá­szló Szi­la­si, hat die­sen Fog­horn mit ei­nem düs­te­ren Ge­heim­nis um­ge­ben, er trägt die Ge­schich­te und be­stimmt die Rah­men­hand­lung, wird plas­tisch durch die Er­zäh­lun­gen von No­szta, dem zu­rück­ge­kehr­ten und ge­schei­ter­ten Ame­ri­ka-Aus­wan­de­rer, der am En­de als (schein­bar) ein­zi­ger ei­nen Weg aus der Gos­se fin­det. Ge­spiegelt wer­den die Schi­cksa­le in den Ge­dan­ken des Zu­hö­rers De­ni, dem No­szta bei ei­nem Klas­sen­tref­fen die Ge­schich­te von Le­ben und Tod des ge­mein­sa­men Ju­gend­freun­des Pe­ter Fog­horn, des Ro­bo­ters, er­zählt.

De­ni war ein in Deutsch­land mehr oder we­ni­ger er­folg­rei­cher Er­mitt­ler, auch er ist zu­rück­ge­kehrt und taucht in die­se be­sof­fe­ne Fei­er sei­ner ehe­ma­li­gen Schul­klas­se ein, als kä­me er von au­ßen. In Wirk­lich­keit ist er tie­fer in No­sztas und Ro­bo­ters Ge­schich­te ver­strickt, als es zu­nächst den An­schein hat – lo­gisch, dass da knapp vor Schluss noch ein paar To­te auf­tau­chen.

So ge­rät die Zu­stands­be­schrei­bung der un­ga­ri­schen Ge­sell­schaft qua­si im Vor­beige­hen noch zum Thril­ler, der sich gut ins Ge­samt­ge­sche­hen fügt. Au­tor Szi­la­si geht es um mehr, und er ist mit sei­ner wuch­tig-plas­ti­schen Spra­che in der La­ge, dies zu ver­deut­li­chen. Er kennt Sze­ged wie sei­ne Wes­ten­ta­sche, er hat hier stu­diert und lehrt an der Uni­ver­si­tät.

Küh­ler Blick, prä­zi­ser Schnitt

Wenn Szi­la­si die fast kul­tisch-schö­nen Schau­plät­ze, das schat­ti­ge Theiß­ufer, die al­te Fran­zis­ka­ner­kir­che, den Dom­platz und die sorg­fäl­tig ge­pflas­ter­ten Stra­ßen und Gas­sen der In­nens­tadt be­schreibt, tut er dies mit dem küh­len Blick ei­nes Chi­rur­gen, der weiß, dass er nur ei­nen prä­zi­sen Schnitt set­zen muss. Dann quillt aus der glän­zen­den Ober­flä­che all das Ei­tri­ge, Übel­rie­chen­de, Ge­schwü­ri­ge her­aus, das die mo­der­nen Ge­sell­schaf­ten so un­mensch­lich er­schei­nen lässt: „Die ge­fühls­kal­te Stadt er­wach­te. Über der Theiß zwi­schen den Kirch­tür­men blen­de­te uns die grel­le Mor­gen­son­ne.“

Ge­fühls­käl­te, ver­bun­den mit Macht, trägt im Ro­man den Na­men Ga­bor Bar­ták, auch ge­nannt die „Schwar­te“. Er ist ein mäch­ti­ger Be­am­ter, der mit gro­ßem Gleich­mut Le­ben und Grup­pe zers­tört. Sei­ne Be­schrei­bung lässt kei­ne Zwei­fel of­fen: „Die Am­bi­tio­nen Bart­áks wa­ren nicht all­zu kom­pli­ziert: Er woll­te Geld.“ Er ist ein Spie­ßer, und er ist ge­fähr­lich, weil er völ­lig skru­pel­los ist und lei­den­schafts­los im­mer zum ei­ge­nen Vor­teil agiert. So er­hebt er sich als Herr über die Ob­dach­lo­sen.

In ei­nem In­ter­view mit dem Ma­ga­zin HVG , an­läss­lich der deut­schen Über­set­zung im Herbst 2015, be­nann­te Au­tor Szi­la­si Ob­dach­lo­sig­keit und Mig­ra­ti­on als die zwei Schlüs­sel­mo­ti­ve sei­nes Ro­mans: „Es gab ei­ni­ge schö­ne, star­ke Jah­re nach 1989, et­wa wie zwi­schen 1945 und 1948. Dann kam das tra­di­tio­nel­le, tief un­ga­ri­sche, re­ak­tio­nä­re Ge­jam­mer zu­rück. Wir le­ben in ei­nem er­schre­cken­den Land.“

Auf­grund ih­rer So­zia­li­sie­rung im So­zia­lis­mus schätz­ten die Un­garn Si­cher­heit we­sent­lich hö­her ein als Frei­heit, sagt Szi­la­si: „Die Macht pocht auf die schein­ba­re Si­cher­heit und schielt da­rauf, dass die Staats­bür­ger den Frem­den, das Frem­de has­sen.“ Die Macht­eli­te grei­fe Pro­ble­me ent­we­der nicht oder falsch an. Szi­la­si mut­maßt, das lie­ge da­ran, dass die Eli­te kei­ne Li­te­ra­tur le­se. Tä­te sie dies, müss­te sie ein­se­hen, dass es kei­nen Sinn ma­che, Ob­dach­lo­se aus­zu­schlie­ßen oder Mig­ran­ten nicht ein­zu­las­sen. „Der Ver­such, die­se Men­schen un­sicht­bar zu ma­chen, ist ver­ge­bens: Wenn sie ver­schwin­den, wer­den sie eben durch ih­re Ab­we­sen­heit prä­sent sein.“

Tref­fen­der kann man den mo­men­ta­nen Zu­stand der un­ga­ri­schen Po­li­tik und Ge­sell­schaft ei­gent­lich kaum be­schrei­ben.

 

  

László Szilasi: Die dritte Brücke

askEnrico

20.06.2016

 

Ungarische Autoren begeistern mich immer mehr – so auch dieses Buch...

So ist es auch mit der Erzählung von László Szilasi. Die Geschichte beginnt mit einem Klassentreffen, Schulkameraden sehen sich nach langer Zeit wieder. Und es geht um den Tod eines Mitschülers. Seltsam verquickt ist die Geschichte und zuerst scheinen die Lebensgeschichten gar nicht so sehr zusammenzuhängen. Es ist die Erzählung eines Auswanderers, der nach dem Tod seiner Frau aus Kanada wieder nach Ungarn zurückkehrt und hier Stück für Stück tiefer ins Milieu eines Bettlers, der auf der Straße lebt, abrutscht.

Szilasis Schilderungen dieses Lebens, der Gefahren und Unbillen, aber auch der kleinen Freuden, die die Menschen doch noch haben, der Träume, aber auch der Hackordnung, die nicht nur zwischen den Bettlertrupp und den anderen Stadtbewohnern entsteht, sondern auch zwischen den einzelnen Bettlern, die gemeinsam in Szeged ihr Dasein fristen, sind so genau beschrieben, dass man beim Lesen meint, dazu zu gehören. Man sieht die Plätze in der Stadt vor sich, kann sich das Aussehen der einzelnen Personen vorstellen und würde sich wahrscheinlich auch in ihren selbst kreierten „Wohnstätten“ zurecht finden. Irgendwie denke ich, dass ich bei einem Spaziergang durch Szeged auch die Plätze der Stadt, die zum bevorzugten „Einzugsgebiet“ der Bettlergemeinschaft gehören, erkennen würde.
Auch ihr Tagesablauf wird so genau geschildert, man meint Lászlo Szilasi ist auch einer von ihnen gewesen. Anders scheint es fast unmöglich den Kampf um das tägliche Stück Brot, aber auch um Zigaretten und vor allem Alkohol so genau beschreiben zu können.

Dazu kommt, dass sich die Geschichte von der (Über-)Lebensbeschreibung der Bettler langsam aber sicher immer mehr zu einem Krimi entwickelt und es Seite für Seite spannender wird, da man meint, erahnen zu können, wie die einzelnen Figuren zusammenhängen, aber es vorerst doch nicht gelingt, die Hintergründe und Zusammenhänge zu sehen.

In den Roman mit eingewoben ist aber auch die allgemeine Situation in Ungarn und die Kritik daran. Menschen, die in – so scheint es – großer Zahl auf der Straße bzw. in den Wäldern am Stadtrand überleben müssen. Die durch die Hinwendung des Landes zur kapitalistischen Gesellschaftsordnung plötzlich durch jeden Rost fallen, und mit dem Absinken, mit dem Rutsch in die Arbeitslosigkeit, keinen Halt in der „normalen“ Gesellschaft mehr haben und deren Hoffnung auf Rückkehr in ein normales Leben fast aussichtslos erscheint.

Ein Roman, der uns das andere Ungarn und auch das Leben in einer anderen Gesellschaftsschicht zeigt und so oder so zum Nachdenken anregt. Und ganz nebenbei entwickelt sich eben der Kriminalfall um den ehemaligen Mitschüler. Ist die dritte Brücke wirklich ein Tatort?

 

 

László Szilasi: Die dritte Brücke

Schlafen im "Blätterteig"
Beunruhigend: László Szilasis ungarische Rhapsodie über die unteren Schichten in Szeged
Die Presse, 26. März 2016
Janko Ferk


Der 52-jährige ungarische Literaturhistoriker László Szilasi hat über Szeged einen Stadtroman geschrieben, den man mit einer Esterhäzyschnitte vergleichen darf. 
Er ist vielschichtig, aber keineswegs picksüß...
Szilasi erzählt wie ein russischer Klassiker, aber mit sehr heutigen Ingredienzien. In den Subtext montiert er geschickt Fragen der Ethik, Moral und Philophie, 
eigentlich der Würde, diesseits und jenseits der Obdachlosigkeit... 
Die dritte Brücke ist ein beunruhigender und deprimierender, aber letztlich katartischer Roman eines Autors, dessen Werk hier zum ersten, aber hoffentlich nichtzum letzten Mal 
ins Duetsche übersetzt wurde...
Erwähnt werden muss, dass die Frankfurterin Eva Zador das Buch mit einer ungemein genauen und eleganten Sprache is das Deutsche übertragen hat.

 

László Szilasi, Die dritte Brücke

ORF – Ex libris, 21. Februar 2016

Beitrag von Cornelius Hell

 

László Szilasi, Die dritte Brücke. (Private Aufzeichnungen zum Tod von Péter Foghorn).

Aus dem Ungarischen von Eva Zador. 368 Seiten, gebunden. Nischen Verlag, Wien 2015

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Ein Stadtroman kann auch funktionieren, wenn die Stadt nicht berühmt ist, wenn es nicht um Paris, London oder Berlin geht. Der ungarische Autor László Szilasi lässt in seinem ersten auf Deutsch erschienenen Roman „Die dritte Brücke“ die Konturen der südostungarischen Stadt Szeged durchscheinen, in der er studiert hat und jetzt als Literaturwissenschaftler an der Universität arbeitet. Wer diese Stadt kennt, taucht ganz ein in ihre Szenerie und ihre besondere Geschichte: Nach der Hochwasserkatastrophe von 1879 wurde Szeged auf dem Reißbrett konstruiert und neu aufgebaut; und überall ist der Stadt dieses Datum eingeschrieben, sogar die einzelnen Teile des Rings sind nach jenen europäischen Hauptstädten benannt, die den Wiederaufbau finanziert haben.

Wer jedoch von Szeged keine Ahnung hat, wird trotzdem in Szilasis Roman hineingezogen, denn die Stadt ist nur eine Kulisse, die aus der Perspektive der Obdachlosen betrachtet wird. Ihre Typen, ihre Geschichten sind die Scheinwerfer, die diese Stadt ausleuchten. Und von Anfang an hinterfragen diese Vagabunden die Selbstverständlichkeiten der Sesshaften, ihre genormten Arbeits- und Familienverhältnisse. Der Scharfblick eines Obdachlosen zeigt die dünne Decke, die die Bürger von den Ausgegrenzten trennt, und die mühsam unterdrückte Unzufriedenheit der Zufriedenen:

Deshalb brauchten sie unbedingt die Verlierer. Unsereins. Damit wir hier auf diesen kalten Ziegelscheiben saßen und die Menschen und sahen, wenn sie ihren für wichtig geglaubten Sachen nacheilten. Und damit sie Angst hatten. Angst vor uns und davor, dass auch sie so würden, wenn sie nicht brav gehorchten. Deshalb ließen sie unsereins nicht verschwinden. Sie brauchten uns. Das System brauchte uns. Damit wir auf dem Platz saßen und sie unsere scheußlichen, stinkenden Fressen anstarren konnten. Wir waren die bedrohlichen, hässlichen Regulierer.

Die täglichen Wahrnehmungen der Obdachlosen, ihre Lebens- und auch ihre Liebesgeschichten werden erzählt. Eine der ergreifendsten Figuren ist Tante Droll, die so hieß, weil sie aussah wie die seltsame Gestalt in Karl Mays „Der Schatz im Silbersee“. Mit wenigen Sätzen gelingt es dem Erzähler, den sozialen Voyeurismus und die Mitleidsfalle auszuschalten:

Ich konnte nie so recht warm mit ihr werden. Die ganze Gestalt war übermäßig herzergreifend, widerwärtig rührend, einfach zu viel, als wäre sie einem teuer produzierten italienischen Spielfilm über Arme entsprungen. Vor zwei Jahren im Winter ist sie gestorben.

Der Roman ist genau in den Details: Er führt vor, in welchen Schritten ein Mann, der nach dem Scheitern seiner Ehe in Kanada im Jahr 2009 nach Ungarn zurückkommt, in die Obdachlosigkeit abgleitet, er fokussiert die Körperwahrnehmung und den Sex der im Freien und in getrennten Schlafstätten lebenden Männer und Frauen, er weiß um den entscheidenden Unterschied, ob jemand noch fähig ist, Liebe zu empfinden. Und er benennt die Fristen, die ein Leben auf der Straße prägen:

Unter sechzig, die Erfahrung habe ich gemacht, zählt nicht das Alter, sondern wie lang du schon auf der Straße bist. Das ist wie im Gefängnis. Bei über zehn Jahren ist es schon egal, wie lang du sitzt. Von da an gibt es keine Rückkehr.

Wem aus diesen Zitaten der Verdacht kommt, „Die dritte Brücke“ von László Szilasi sei ein Thesenroman, dem sei versichert: mitnichten! Dazu sind diese wenigen thesenhaften Sätze zu sehr aus konkreten Beobachtungen und den Erfahrungen dessen, der erzählt, formuliert. Dass diese Erfahrungen nicht ausgedacht, sondern authentisch sind, liegt daran, dass sich der Autor in einem jahrelangen Prozess auf das Obdachlosen-Milieu eingelassen hat und zum Beispiel genau weiß, wie es in einem Männerwohnheim zugeht und warum sich zwei Männer um ihren angestammten Bettplatz prügeln, obwohl andere frei sind; aber sie müssen das letzte Territorium, das ihnen geblieben ist, verteidigen wie ihr Leben.

Das Problem dieses Romans ist nicht, dass der Autor bzw. der Erzähler zu viel weiß oder analysiert. Was man eher als problematisch empfinden könnte, ist die quälende Langsamkeit, in der der Handlungsgang in sprachlich nicht immer ambitionierter oder gar singulärer Weise abgespult wird. Dieses Erzähltempo könnte man freilich auch als kalkulierte Methode deuten, als Spiegelung der quälenden Langsamkeit und oft auch Ereignislosigkeit des Obdachlosen-Lebens; an einer Stelle argumentiert der Roman selbst in diese Richtung.

Das wirkliche Problem dieses Romans ist seine Rahmenhandlung. Der Autor hat sich da ein literarisch doch schon etwas abgenutztes Setting ausgedacht: ein Maturatreffen. Dass dabei der ehemalige Obdachlose seine Erfahrungen erzählt und auch ein aus Deutschland zurückgekehrter Ermittler eingeführt wird, ist zwar durchaus originell, doch muss diese Gesprächssituation durch alle paar Seiten eingestreute Anreden wie „Hör zu, Deni“ ständig mühsam präsent gehalten werden – und trotzdem kippt man beim Lesen immer wieder aus dieser Konstellation, weil sich der Monolog verselbständigt. Dass Anfang und Schluss des Romans präzise und raffiniert miteinander verknüpft sind und dass das letzte Kapitel dem Ermittler gehört, der es mit der Eröffnung beginnt, selbst ein Mörder zu sein, und der vieles relativiert, was bis dahin auf gut 300 Seiten erzählt wurde, verleiht dieser Konstruktion Sinn, hebt aber ihre Umständlichkeit nicht auf.

Relativierungen und Umdeutungen sind eine Stärke von László Szilasis Roman „Die dritte Brücke“. Die nachhaltigste davon ist die Erkenntnis, dass es sich bei den geschilderten Figuren um die Aristokratie der Obdachlosen handelt, um jene, die überhaupt in die Innenstadt vordringen; und dass die Unzähligen, die am Stadtrand in den Wäldern leben, gar nie ins Bild kommen, dass man ihre Namen und Geschichten nicht kennt.

Dennoch: László Szilasi hat für die Erfahrungen und Perspektiven von Obdachlosen Geschichten und eine Sprache gefunden, die ihresgleichen suchen. Von ungarischen Obdachlosen, die nach der Wende unter die Räder gekommen sind und von der Regierung Viktor Orbáns kriminalisiert wurden; von Obdachlosen in der noch immer „osteuropäisch“ genannten Provinz. Und vieles davon gilt wohl auch für Obdachlose in jenen Städten, wo der Kapitalismus schon immer zu Hause war. Oder könnte ein Impuls sein, sie zu Wort kommen zu lassen und von ihnen zu erzählen. Das ist wahrlich nicht wenig für einen Roman.

 

 

László Szilasi: Die dritte Brücke
Der Standard, 4. Februar 2016
Gregor Auenhammer
Gleichgültigkeit und Schweigen


"Szilasi zeichnet - komprimiert auf einen einzelnen Tag - das Bild einer ganzen Generation...
Sein Roman, angesiedelt zwischen den 1980er-Jahren und heute, reflektiert gesellschaftliche Metamorphosen, 
Veränderungsresistenz und Stillstand, nicht nur in Ungarn, sondern ganz Europa.
Ein Sittenbild, ein Potpurri ßber die Existenz per se, über Land und Zeit....

Thesen über Facetten der Wahrheit. Eine Abrechnung. Verstörend, berührend, kathartisch."

 

 

 


 

Ferenc Barnás: Der Neunte
Die Furche, 14. Jänner 2016
Janko Ferk


..."Der Neunte" ist die ergreifende Geschichte einer facettenreichen Familie in absoluter Armut. ..Der Roman enthüllt das Gewebe seelischer und physischer Gewalt mit einer verhaltenen Poesie voller Schmerz und untergründiger Sehnsucht.
Der Autor beschwört in einer eigenartig klaren, kindlichen Sprache die bedrückende Atmoshpäre dieses Lebens, das grausame Nichts in Familie und Schule, das quälende Elend voller Hunger, Entbehrung und Scham.
Der Leser wird unmittelbar in die Traumata dieser Kindheit, in das Schuldbewusstsein und den Alltag dieser Zeit hineingerissen.

Die Sprachkunst des Autors verweist mit seinen kargen Worten auf die Abgründe des Unausgesprochenen."

 

László Szilasi : Die dritte Brücke

HuBook - Ungarisches Literaturnetzwerk

(Private Aufzeichnungen zum Tod von Péter Foghorn)

Eine Rezension von Karlheinz Schweitzer

 

Péter Foghorn fehlt beim Klassentreffen. Man ergeht sich in Mutmaßungen über sein Schicksal. Dem aus Deutschland nach Ungarn zurückgekehrten Ermittler Sugár, den wir zum Klassentreffen begleiten, erzählt Mitschüler Nosztávszky schließlich, im Laufe einer Nacht, "wie es wirklich war". Er beginnt mit seiner Lebensgeschichte, seinem Leben in Kanada, Ehe, Scheidung und Heimkehr nach Ungarn. In Budapest haut er sein Geld auf den Kopf, und weil er nicht als Verlierer bei seinen Eltern auftauchen will, fährt er nach Szeged. Dort stößt er auf Péter Foghorn, der sein Leben als Straßenmusiker fristet und eine Gruppe von Obdachlosen anführt. Foghorn erkennt den Neuling und nimmt ihn unter seine Fittiche. Die Erzählung führt uns nun in die Welt der Obdachlosen, die auf den öffentlichen Plätzen der Stadt, unter den Brücken über die Theiß und den Wäldern an der Peripherie leben.

László Szilasi, der 1964 in Békéscsaba geboren wurde und an der Universität Szeged ungarische Literaturgeschichte lehrt, hat die Lebensumstände der Obdachlosen in Szeged gründlich recherchiert. Die soziografischen Details, die wir aus Nosztávszkys Erzählung erfahren, führen jedoch nicht zu einer Theorie, es gibt weder Gejammer, noch Anklagen, politische Forderungen oder Konklusionen. Es wird berichtet wie über unausweichliche Naturereignisse und das eigentliche Politikum muss der Leser selbst erschließen. Obdachlosigkeit ist die Endstation der Ausgestoßenen, von Menschen, deren Arbeitskraft das System nicht mehr braucht, oder von solchen, die aus eigenem Entschluss nicht mitspielen, nicht funktionieren wollen. Dort werden sie zugrunde gehen, unter den Brücken, in den Wäldern, auf den öffentlichen Plätzen. Wir erfahren, wie die Ausgegrenzten ihr Leben organisieren, lernen ihre Wege kennen, ihre Strategien und kleinen Tricks. Ausgebrannte Malteserengel, desillusionierte Polizisten und Beamte kennen die Probleme, niemand weiß eine Lösung. Manche Obdachlose wollen gar kein anderes Leben, träumen nicht einmal davon. Einer aus der Gruppe verschwindet plötzlich und Nosztávszky hegt den Verdacht, er könne den Ausstieg geschafft haben. Der Bürgermeister eines aussterbenden Dorfes bietet Häuser für wenig Geld. Dort wollte der Verschwundene ein neues Leben aufbauen. Nosztávszkys Anwesenheit beim Klassentreffen bezeugt, dass auch für ihn das Leben auf der Straße nur ein Intermezzo war.

Immer wieder ist auch von den alten Zeiten, der Schulzeit und was aus den Klassenkameraden geworden ist, die Rede. Erinnerungen, Jugendträume, Liebschaften werden durchgehechelt, aber den Hauptstrang des Romans bildet die Erzählung Nosztávszkys über seine Zeit unter den Brücken von Szeged.

Dort geschieht ein Mord. Völlig unerwartet. Im Milieu der Obdachlosen. In einem knappen Satz erfahren wir, wie Foghorns Geliebte getötet wird. Und wir kennen auch den Mörder. Über die Umstände des zweiten Mordes wird ausführlicher berichtet, und wir glauben im Bilde zu sein, aber im letzten Kapitel äußert sich der Ermittler zu den Vorkommnissen und wirft ein anderes Licht auf sie. Allerdings stehen die beiden Morde nicht im Mittelpunkt des Romans, sie sind eine Klammer, welche die Narration zusammenhalten soll, denn wir haben es nicht mit dem klassischen Kriminalroman zu tun, mit einer Leiche am Anfang und des Rätsels Lösung am Ende. Es geht auch nicht um Recht und Gerechtigkeit. Der Autor hält der Gesellschaft einen Spiegel vor und zeigt ihr, "ihr eigenes Antlitz reiner, als sie es sonst zu erblicken vermöchte“, wie Kracauer über den Detektivroman schreibt.

Aus dem Ungarischen von Eva Zador

 

László Szilasi: Die dritte Brücke
LiesMalWieder.de

Die Geschichte beginnt mit einem Klassentreffen, um ihr Fenster dann für Heldentaten und Schwächen, Betrügereien, verschwiegene Ereignisse, sich in Nichts auflösende Träume, verborgene Leben, jugendliche Vergehen und Freuden zu öffnen. Menschen mittleren Alters, alte Freunde erzählen oder verschweigen, was in den vergangenen dreißig Jahren mit ihnen geschehen ist und was jetzt mit ihnen geschieht.

Gutes, Schlechtes, Wahres und Gelogenes. Aus diesem Roman erfahren wir auch, wo die Sätze zu Hause sind: in Herz, Körper, Seele, Geist. Natürlich. Doch das wichtigste Zuhause der Sätze ist das Schicksal des Menschen und seine Hinfälligkeit, wobei er doch nie Ruhe findet.

 


 

Krisztina Tóth: Aquarium
Und die Fische schwimmen hin und her
Cathrin Kahlweit
Süddeutsche Zeitung
6. November 2015


...Die lakonische Sprache, der tiefschwarze Humor, die irren, aber gewöhnlichen Gestalten, die den Roman von Krisztina Tóth bevölkern, sind wie ein Sog. Tóth,
im Nach-Wende-Ungarn aufgewachsen, erzählt die Geschichte von Oma, Mutter, Tochter und Urenkelin samt Gatten und Familienanhang vom Nachkriegs-Ungarns bis in die späte Kadar-Zeit.
...Der Leser ist immer hautnah dabei. Tóth weitet praktisch nie den Blick, sie bleibt in der Nahaufnahme, weil sie ihre Figuren liebt und bei aller Pein nie der völligen Lacherlichkeit preisgibt...
Die 33o Seiten aus der Budapester Vorstadt sind eine unerschöpfliche Quelle von Anekdoten und Dramoletten, Krisztina Tóth , so scheint es, geht der Stoff nicht aus, sie erzählt einfach weiter und weiter....

 

Krisztina Tóth: Aquarium

Gudrun Brzoska

26. September 2015

Bereits ihre beiden, in Deutschland publizierten Novellenbände „Strichcode“ und „Pixel“, haben in der Kritik für einiges Aufsehen und positive Resonanz gesorgt. Nun macht uns der Nischenverlag mit dem ersten Roman von Krisztina Tóth bekannt.

Wie in ihren Novellen, die zusammengenommen doch ein Ganzes aus lauter Einzel­erzählungen ergaben, so bilden hier Menschen, die kaum in zwischenmenschlicher Berührung stehen, eine gebundene Geschichte, einen Roman. Dieser erzählt auf den ersten Blick eine einfache Geschichte: Die Geschichte eines verstoßenen Mädchens, das, als es selbst Mutter wird, die eigene Mutterrolle genauso wenig annehmen kann und ihrerseits die Tochter abgibt. Der Kreis schließt sich; denn das Kind wird ausgerechnet bei seiner Großmutter abgestellt, die ob ihres unsteten Lebens damals ihre Tochter in ein Waisenhaus abgegeben hatte. Auf den zweiten Blick erweist sich die Geschichte aber als sehr vielschichtig: In sich geschlossene Erzählungen, wie z. B. die „vom kleinsten Hut der Welt“ sind ebenso zu finden, wie atmosphärische Erzählungen zu Historie und Zeitgeschichte. Dazu muss der Leser sehr aufmerksam in die Geschichte eintauchen: Krisztina Tóth macht eine Familie lebendig von den Nachkriegszeiten bis Ende der 70er Jahre in Budapest. Wieder einmal nimmt die Autorin in drastischen Bildern die Zeit der Diktaturen in Ungarn unter die Lupe, wobei sie auch die Zeit der Judenverfolgung nicht ausschließt. Sie bleibt sich treu: Auch im Roman wendet sich nichts zum Guten, deutet sich kein hoffnungsfrohes Ende an. Wie das titelgebende Aquarium verfällt das Leben ihrer Figuren und erlischt im Trüben. Sprachlich ist ein weiteres Mal Tóths skurril-ironischer Erzählton zu bewundern, der auch kleinste Episoden aufspießt – meisterhaft übersetzt in österreichischem Sprachklang von György Buda.

In bescheidenen Verhältnissen leben die Protagonisten, hermetisch abgeschlossen, mit wenig Kontakt nach außen. In drei Teilen blättern sich uns Lebensgeschichten und Lebensabschnitte auf, wobei der erste Teil nicht nur als Zeitraffer über die ganze Geschichte fungiert, sondern auch die erste und dritte Generation zusammenbringt. Dabei bestimmen vor allem die Frauen den Fortgang der Geschichte: die schrullige Großmutter Klari-Oma, eine Roma, die ihre Tochter Vera in ein Waisenhaus abgeschoben hatte, aus dem sie von Tante Edit und Onkel Jóska, dem jüdischen Ehepaar Weininger herausgeholt wird. Die praktische Edit hält die Zügel in der Hand; denn sie hat nicht nur für ihre schwachsinnige, aber gutmütige Schwester Edu zu sorgen, sondern auch für ihren Mann, der das Elend des Lebens am liebsten bei Schachspiel und Schnaps vergessen möchte. Die dunkelhaarige Vera kann Abitur machen und versucht, sich aus der Enge und dem eintönigen Leben ihrer Jugend zu befreien. In ihren Träumen will sie eine moderne junge Frau werden, blond und schön wie ein Mannequin aus dem Westen. Ob ihre kleine Tochter Vica einmal die Möglichkeit haben wird, in ferner Zukunft aus den erstarrten Verhältnissen herauszukommen, lässt die Autorin offen. Es könnte gut sein, dass auch hier nur die Sehnsucht danach übrig bleiben wird.

Es sind alles kaputte Figuren, die sich im und um das Aquarium ihres Lebens bewegen, im düster-schummrigen Licht der verfaulenden und verfallenden Gesellschaft der sie umschließenden Diktatur. Wie im heruntergekommenen Aquarium zu Ende der Geschichte, wechselt auch hier niemand das Wasser, d.h. es kommt weder Frischluft noch etwas Lebenserhaltendes hinzu. Die Bewohner des Aquariums sehen die Welt da draußen nur durch ihr Glas als Objekte der Sehnsucht; und die draußen erblicken die im Aquarium als geheimnisvolle monströs-verzerrte Wesen.

Drastisch-grotesk begegnet uns die verwahrloste, aber lebenstüchtige Großmama in ihrem Kellerloch, in dem sie seit 20 Jahren lebt. Sie versteht es, immer wieder auf die Füße zu fallen. Mit Beharrlichkeit, schlauer Impertinenz und Ausdauer erreicht sie ihre Ziele, wobei ihr Zeit- und Realitätssinn fast völlig abhanden gekommen sind. Ihre Tochter Vera schämt sich ihrer – ihr Enkelkind Vica arrangiert sich mit ihr. „Sie war überhaupt nicht wie eine normale Großmutter: Sie trug Lippenstift, kleidete sich mit nervtötender Geschmacklosigkeit und log fortwährend.“

Als Vera in die Familie Weininger kommt, trifft sie auf das „armen Edulein“: „Vor der Wohnungstür hockte eine Frau unbestimmbaren Alters mit aufgedunsenem Bauch und Augengläsern, die Füße in ihren klobigen, hohen Schuhen hatte sie gegen das eiserne Geländer gestemmt. Sie blickte nicht auf unter ihren Haaren, die ihr das Gesicht verdeckten, sie begrüßte die Ankömmlinge nicht, sie rauchte mit geschlossenen Augen weiter.“ Edit wacht über sie, pflegt sie, auch wenn das manchmal fast über ihre Kräfte geht. Die kettenrauchende Edu arbeitet im Krankenhaus, verrichtet die Arbeiten, die sonst keiner machen will mit Hingabe. Aufträge, die man ihr gibt, wiederholt sie ständig vor sich hin – was mancherlei Komik für den Leser bereit hält. – So wie sich ihre Tochter Vica irgendwie mit ihrer Großmutter, der Klari-Oma arrangieren wird, so freundet sich Vera mit dem armen Edulein an.

Die dichte Erzählatmosphäre erlaubt es dem Leser, die Lebensumstände im kommunistischen Ungarn nachzuvollziehen: Es sind die kleinen Geschichten, welche Hinweise auf Vergangenheit und Gegenwart in der Rákosi-Ära geben: Das elende Leben der armen Leute in ihren beengten Wohnungen und die kärglichen Mahlzeiten: „in letzter Zeit gab es kaum Obst und Gemüse und Fleisch überhaupt niemals“. Dazu Missgunst und Denunziationen – die nicht verarbeitete Judenverfolgung mit den Hinweisen auf Auschwitz, wo z. B. Onkel Gabi, ein älterer arbeitsloser Lehrer seine ganze Familie verloren hatte. Er ehrt sie, indem er weiterhin sechs Stühle um seinen Tisch stellt, obwohl die Wohnung dafür eigentlich zu klein ist. Er kann die Erinnerung nicht länger ertragen und nimmt sich das Leben. Oder die Hinweise auf die schwachsinnige Edu mit der eintätowierten Zahl und auf Onkel Jóska, der sich im großen Bett verstecken konnte, als man ihn abholen wollte. Auch die Zeit um den Volksaufstand 1956 kommt zur Sprache: das plötzliche Verschwinden von Personen, über die man besser nicht sprach – Propaganda durch Lautsprecherdurchsagen – Flucht und Auswanderung in die USA – die heimliche Vorbereitung einer Ausreise. Und später, in der langen Kádár-Zeit, das langsame Aufweichen der strengen Diktatur – der Sprung in eine modernere Zeit mit Privatunternehmungen, was nur mit Schmieren und Aktivitäten am Rande der Legalität gelingen konnte, geprägt von Wachsamkeit und Misstrauen. Doch das bessere Leben stellt sich nicht wirklich ein. Es bleibt das Gefangensein im „Aquarium“, der sehnsüchtige Blick nach draußen, die märchenhaften Vorstellungen auf den Westen, die so gar nichts mit der Realität zu tun haben. Vera würde gern in ihrem Parallelleben aus der Ehe ausbrechen, dem Werben eines Auswanderers nach den USA nachgeben, doch als er ihr von solch „langweiligen“ Dingen schreibt, wie der Erfindung eines Sicherheitsgurtes, mit welcher viel Geld zu verdienen sei, ist sie sehr enttäuscht. So prosaisch hat sie sich den Westen nicht vorgestellt.

Eine Geschichte ergibt die nächste und damit die Lebensbedingungen weiterer Personen. Trotz des eintönig-grauen Alltags webt die Autorin einen bunten Teppich aus Lebensumständen und Schicksalen, aus Zeitgeschichte und Politik. Sie beschreibt Leben und Umgebung dieser Menschen so konkret und plastisch, dass man sie zu kennen meint, in ihrer Armseligkeit, ihrem Strampeln nach ein bisschen Glück oder in ihrer Resignation. Man blickt in ihre Wohnungen hinein, riecht die üblen Gerüche, hört das Geschrei auf den Hinterhöfen.

Doch: „Nach der Revolution ging alles im alten Trott weiter. Das Mädchen konnte wieder die Schule besuchen. Onkel Jóska ging in die Arbeit, die Tante und Edu spülten im Krankenhaus das Geschirr und wuschen Blut aus….“

1965, nach ihrer Matura, lernt Vera den Drechsler Lali kennen, ihren späteren Mann. In diesem Sommer sieht Onkel Jóska bei Dr. Benkő ein Aquarium stehen, das seine ganze Fantasie entzündet. Der Arzt hatte es gekauft, um damit zu dokumentieren, dass er mit seiner Familie bleiben wolle, obwohl in Wirklichkeit doch alles für die Flucht aus Ungarn vorbereitet wurde. „Ein Tropfen des Meeres, sagte der Arzt“, als er merkt, wie hingerissen Onkel Jóska vom Aquarium und den Fischen ist. Diese Bemerkung beschäftigt diesen wie eine Verheißung und er setzt alles daran, sich selbst ein Aquarium zu bauen. Als er endlich das Geld zusammen hat, die kostbaren Guppys – für die er sein Herzblut gegeben hätte – kaufen kann, erleidet er einen Herzinfarkt. Für kleine Leute scheint ein Aquarium – ein kleiner Tropfen vom großen Glück – nicht vorgesehen zu sein – und in dem Moment, als es greifbar scheint, zerrinnt es. Der Tante, die darin den Ursprung allen Übels sieht, gelingt es, das Teil der Klari-Oma aufzuschwatzen. Zurück bleibt nur der feuchte Umriss des Aquariums: „Er schien der Grundriss eines geheimnisvollen Gebäudes zu sein, das rundum doppelte Wände, jedoch weder Fenster noch Türen besaß“.

Das Aquarium bedeutet also für jeden etwas Anderes: Für Onkel Jóska war es die Hoffnung auf Änderung und ein Schritt in die bessere Gesellschaft, für Tante Edit ein ständiges Ärgernis, das Platz beanspruchte; denn sie weiß nur zu gut, dass die Familie niemals in die nächste Stufe der Gesellschaft aufsteigen kann, für Vera wird es das Sinnbild des eigenen Lebens – und für Vica ein geheimnisvoller, wenn auch übel riechender Behälter in der Wohnung ihrer Großmutter, welche den Inhalt samt Behälter verrotten lässt, bis das Aquarium undicht wird und das Wasser herausläuft.

Nacheinander sterben Fische und Familienmitglieder; nach Jóska seine Frau Edit, dann ihre Schwester Edu. Als Vera die Wohnung auflösen muss, gibt sie ihre Tochter Vica für drei Tage in die Obhut der Klari-Oma. Dort kann die Kleine tun was sie will. Mit der Großmutter spielt sie Märchengeschichten, mit Teddybär und Hase und der geretteten Lumpenpuppe. Einmal war diese Veras Liebling gewesen – entsorgt, als sie alt und hässlich war, gerettet und mangelhaft aufgebessert von der Klari-Oma. Als Vera ihre Tochter abholen will, erblickt sie die Puppe wie ein Schneewittchen unter dem gläsernen Aquarium und dreht fast durch: Ihr kommt die tragische Erkenntnis, dass sie selbst immer zwischen schmutzigen Wänden eingesperrt war – und sich nie mehr daraus befreien kann. Ihr Leben ist bereits ein Sarg, der für immer geschlossen bleiben wird. „Schneewittchen lag in ihrem gläsernen Sarg und konnte sich nicht aufsetzen, sie war außerstande, den Apfelbrocken herauszuhusten.“

 

Arme und Mittellose, ja Ausgestoßene werden sie immer bleiben, unfähig ihr Elend und ihre Vergangenheit hinaus zu husten und sich davon zu befreien.

  

Krisztina Tóth: Aquarium

LiesMalWieder.de
Aquarium


Es sind skurril-lebenswerte Verlierer, die wie in einem Aquarium in ihrer gesellschaftlichen Schicht gefangen sind. Obwohl Krisztina Tóths Blick auf ihre Figuren
schonungslos sezierend ist, mag man ihre "Helden", nimmt man Anteil an ihrem Schicksal. Ein Buch, das berührt und das einen nicht mehr loslässt.

 

Krisztina Tóth: Aquarium

Andreas Breitenstein
Neue Zürcher Zeitung
11.08.2015

Fatale Familie
"Aquarium" - Krisztina Tóth tragikomischer Roman über das Leben der Ärmsten im Nachkriegsungarn
"Krisztina Tóth selbst pflegt einen wunderbar vielsichtigen Blick auf den Bodensatz der ungarischen Gesellschaft - er ist ebenso plastisch wie analytisch, ebenso scharf wie panoramisch,
ebenso liebevoll wie grausam. Körperliche und seelische Tabus gibt es fast keine, das Banale, Prekäre und Skurille mischt sich mit dem Absurden...
...So kommt denn dieser Alltag in Armut und Abweichung ohne Anklage und Ressentiment, ohne Verklärung und Defaitismus, aber mit befreiendem Humor und viel Sprachwitz daher...
...zugleich warm und kalt, distanziert und einfühlsam, tiefgründig und leicht..."

 

Krisztina Tóth: Aquarium

Österreichisch-ungarische Vergangeheitsbewältigung
Gregor Auenhammer
Der Standard
10. Juli 2015

...Der 2012 von Zsoka Lendvai gegründete Nischen Verlag hat es sich ambtioniert zur Aufgabe gemacht, 
gesellschaftliche Strömungen in der ungarischen Literatur und Kultur zu erfassen, Hintergründiges zu dekuvrieren 
und Metamorphosen sichtbar zu machen. Neben bereits publizierten historisch relevanten Textsorten widmet sich der Verlag zunehmend 
der Förderung zeitgenössischer ungarischer Autoren...
...Der Aufarbeitung der ungarischen "Mitvergangenheit" widmen Krisztina Tóth und Ferenc Barnás ihre aktuellen Romane. 
Tóth perlustiert in der Familien-saga Aquarium das Leben armer, "kleiner" Leute in den 195oer- und 1960er Jahren. 
Ein Kaleidoskop zwischen Souterrain, Träumen, Parteibuch und dem Wunsch, einmal reich zu werden.
Von einem jugendlichen Helden in der Kádár-Ära, die viele zu Opportunisten werden ließ, hingegen handelt Ferenc Barnás`Roman Der Neunte. 
Politik und Alltag, Anpassung, Wiederstand und innere Emigration sind Themen im breiten Spektrum zeitgenössischer Literatur.
Anerkennung wurde nun Tóths Roman Aquarium zuteil. Als einziges österreichisches Buch wurde es - neben Amos Oz, Dasa Drndíc, 
Gilbert Gatore, NoViolet Bulawayo und Patrick Chamoiseau - für die Shortlist des mit 25.000 Euro dotierten Berliner Internationalen Literaturpreises nominiert.

 

Krisztina Tóth: Aquarium

Gärender Sump im Glas

Die Presse

10.07.2015 Sabine Scholl 

....Die in ihrer Heimat auch als Lyrikerin bekannte, 1969 geborene Ungarin Krisztina Tóth ist mit zwei ins Deutsche übersetzten Büchern, dem Erzählband „Pixel“ sowie „Strichcode“, als formal bemerkenswerte Autorin aufgefallen. Ihr erster Roman überrascht durch präzise und nüchterne Sprache sowie einer chronologisch geführten Erzählung, die die Armut einer Familie im Nachkriegs-Ungarn schildert. Die Figuren sind in ihrer Verlorenheit und Abweichung vom „Normalen“ mit Humor und stets ohne Ressentiment gezeichnet: zum Beispiel Edits Schwester, die geistig zurückgebliebene Edu, die auf die Hilfe ihrer Verwandten angewiesen ist und deren Wiederholen von Anweisungen als eine Art Chor die Tragik komisch unterstreicht; oder Onkel Gabi, der nie über den Tod seiner im Holocaust ermordeten Familie hinwegkommt, symbolisiert durch sechs leere Stühle, die er trotz beengter Wohnverhältnisse nicht verräumen will...

Tóth behandelt in ihrem Roman ein unverarbeitetes Kapitel der ungarischen Nachkriegsgeschichte bis in die 1970er-Jahre...
Der jahrzehntelang gärende Sumpf des Aquariums steht für diese Zeit und ist umso tragischer, als er Ausweglosigkeit suggeriert. Der Verzicht auf experimentelle sprachliche Bewältigungsformen erlaubt dem Roman einen umso härteren Angriff auf die Konsensformeln eines erstarkten ungarischen Nationalismus, der sich offen gegen Außenseiter und Minderheiten ausspricht.

Die Übersetzung von György Buda ist mit Austriazismen wie Menagereindl, Kübel, Köperband gespickt und ebenso gefühlvoll. Dass auch deutsche Leser das charmant finden werden, ist zu hoffen. 

  

Krisztina Tóth: Aquarium

www.ask-enrico.com

Krisztina Tóth gelingt mit Aquarium ein Meisterstück, das es verdient auf die Shortlist des Internationalen Literaturpreises geschafft hat.

Das Aquarium verbindet die Teile einer Erzählung, die die Autorin drei verschiedenen Frauengenerationen im Nachkriegsungarn widmet.

Die Klari-Oma, die eigentlich sehr wenig von einer „richtigen“ Oma hat, ihr Leben lebt, ihr Kind zuerst im staatlichen Heim und dann in einer jüdischen Pflegefamilie aufwachsen lässt und in erster Linie immer dann zur Stelle ist, wenn ihr Geld knapp wird.

Vera, die Tochter der Klari-Oma, die von Tante Edit aufgenommen wird und die sie mit ihrem Mann „durchfüttert“, obwohl auch hier das Geld mehr als knapp ist. Da kann es dann schon passieren, dass Vera in der Arbeitsstelle der Pflegemutter, dem Krankenhaus, übernachten muss, da kein Geld zum Heizen da ist oder dass Artisten als Bettgeher in der ohnehin kleinen Wohnung untergebracht werden, um sich ein bisschen was dazu zu verdienen. Kein Wunder, das Vera versucht, durch eine Heirat ihrem Umfeld zu entkommen.

 

Und dann ist da noch Vica, die Tochter von Vera, die sich mit der Klari-Oma doch ein wenig anfreundet oder die Klari-Oma mit ihr. Zumindest passt die Klari-Oma hin und wieder auf ihre Enkelin auf, wenn auch hier mit äußerst unkonventionellen Methoden..

Das Aquarium, zuerst von Onkel Jóska, dem Mann von Edit, kunstvoll zusammengebaut und mit Fischen und Pflanzen bestückt, kommt immer wieder in der Geschichte an wichtigen Punkten vor. Für Onkel Jóska ist ein Stück Wohlstand, eine Flucht in ein gedachtes besseres Leben, an dem er sich nicht lange erfreuen kann und das nach seinem Tod zur Klari-Oma wandert, die die Fischpflege nicht so ernst nimmt und mit dem gleichen Teesieb tote Guppys aus dem Aquarium holt, wie auch ihren Tee eingießt. Für Tante Edit die permanente Erinnerung an den Tod ihres Mannes. Für die Klari-Oma einfach ein interessantes Objekt.

Krisztina Tóth versteht es hervorragend die Atmosphäre dieser Zeit zu beschreiben und die handelnden Menschen zu charakterisieren und zu zeichnen. Ich habe schon lange kein Buch mehr gelesen, in dem die handelnden Personen so klar vor dem „geistigen Auge“ erschienen sind. Man glaubt, sie zu kennen, zu wissen wie sie reagieren werden, wie sie aussehen. Auch die Wohnung, die Straße, die Siedlung – die Handlung läuft vor dem Leser ab, wie ein guter Film.

Es ist erstaunlich wie sich die Autorin (geboren 1967) in diese Zeit hineinversetzen konnte. Die ausgezeichnete Übersetzung und Sprache von György Buda tut ein Übriges.

Ein lesenswertes Buch einer Autorin, die man im Auge behalten muss und Gratulation zur Nominierung auf die Shortlist des Internationalen Literaturpreises 2015.

 

Krisztina Tóth: Aquarium

NDR - Matinee, Neue Bücher

Neue Bücher 08.07.2015 Agnes Bührig

                                  

Wer wollte es nicht: Einmal auf der Shortlist eines renommierten Literaturpreises stehen. Der ungarischen Autorin Krisztina Tóth ist dies jüngst gelungen, sie war für den Literaturpreis des Hauses der Kulturen der Welt in Berlin nominiert. Zwar räumte dann Amos Oz den Preis ab – und bekommt ihn heute (8. Juli) überreicht. Das sollte aber keinen davon abhalten, „Aquarium“ zu lesen, eine perfekte Sommerlektüre. 

Das Aquarium: ein Biotop mit einer überschaubaren Anzahl Einzelwesen, einer Landschaft, die sich kaum verändert und wiederkehrenden Strömungen und Lichtverhältnissen. Eine Beschreibung, die auch auf das Familienbiotop in Krisztina Tóths Roman „Aquarium“ zutrifft. Ob der bescheidenen Verhältnisse, in denen Groβmutter, Mutter und Kind leben, bleibt auch vieles ewig gleich. Doch langweilig wird es nicht, denn einige der Protagonisten sind unterhaltsam schrullig, zum Beispiel die Matriarchin im Buch, Klari-Oma.

„Sie war überhaupt nicht wie eine normale Groβmutter: Sie trug Lippenstift, kleidete sich mit nervtötender Geschmacklosigkeit und log fortwährend. Vera, ihre Tochter, schämte sich ungeheuerlich

für sie, hauptsächlich wegen der Lügerei. Klari-Oma las anlässlich ihrer nächtlichen Abfallcontainerrunden unzählige alte Fotos auf, die sie dann den Nachbarn unter Vorbringung erfundener Geschichten zeigte. Selbst Romy Schneider hatte sie einmal in die Verwandtschaft einbezogen, (..).“

Wer kein glamouröses Leben hat, erfindet sich eins. Aber nicht nur deswegen ist der Alltag von Klari-Oma und ihren Nachkommen mit jeder Menge Abenteuern gefüllt. Not macht eben auch erfinderisch. Mal verteilt Klari-Oma Strickjacken der nahen Wirkwarenfabrik an die lieben Nachbarn, dann wieder nimmt sie Künstler in der Küche auf, um Geld fürs Essen zu erwirtschaften. Und als das Geld besonders knapp ist, quartiert sie den Nachwuchs kurzerhand an ihren Arbeitsplatz aus: Ins Krankenhaus. Und geboren, gestorben und geheiratet wird nebenbei auch noch.
Mit jüdischem Humor und sprachlichem Witz schreibt Krisztina Tóth vom Auf und Ab im Alltag kleiner Leute. Die Begabung, vermeintlich unwichtige Situationen in den Mittelpunkt des Geschehens zu rücken, mag auch mit ihrem Lebensweg zusammenhängen. Krisztina Tóth, Jahrgang 1967, arbeitete als Bildhauerin, unterrichtet im Kreativen Schreiben und schrieb zuerst Gedichte. Ihre Beobachtungen sind plastisch, zuweilen meint man Ausdünstungen wie Körpergeruch oder billiges Essen förmlich riechen zu können. Dann wieder geht es um Banalitäten im sozialistischen Alltag, etwa als bei Tochter und Schwiegersohn von Klari-Oma ein neues Zeitalter der Kommunikationstechnik beginnt.

 

Krisztina Tóth: Aquarium

Deutsche Welle

"Wer arm ist, der wird niemals reich": Krisztina Tóths Roman "Aquarium"

Was macht das Leben schön? Für eine jüdische Familie, die sich im Ungarn der 1950er und 1960er Jahre mühsam durchschlägt, bleiben da nur die kleinen Tricks, Schnaps und ein Aquarium.



Bekannt wurde Krisztina Tóth mit Lyrik und Erzählungen

 

Das große Aquarium mit seinem veralgten, trüben Wasser spielt eine zentrale Rolle im Leben der "Klari-Oma", die sich "überhaupt nicht wie einen normale Großmutter" benimmt. Sie trägt Lippenstift, kleidet sich mit "nervtötender Geschmacklosigkeit", lügt und klaut – und wenn sie erwischt wird, verteidigt sie sich mit ihrem Parteibuch. Wechselnde Männer tauchen in ihrer kleinen Souterrainwohnung auf; sie sind so schnell wieder vergessen wie die toten Guppys, die sie mit demselben Sieb aus dem Aquarium fischt, durch das sie auch den Tee aufgießt. Die Kraft, Dinge zu Ende zu denken, fehlt ihr schon ihr Leben lang.

Alltag statt Politik

Ein Kleineleuteleben. Eine von mehreren Figuren mit ausgeprägt skurrilem Charakter, denen der erste Roman der 1967 in Budapest geborenen Krisztina Tóth über eine Zeitspanne von dreißig Jahren folgt. Er erzählt die Geschichte einer jüdische Familie im Ungarn der 1950er bis in die 1970er Jahre – einer Zeit, in der die Folgen des Zweiten Weltkriegs noch spürbar sind, während schon der Sozialismus die Ordnung des Lebens übernimmt.

 

Straßenarbeiterinnen in Budapest, 1968

 

Die großen historischen Ereignisse spielen im Leben der Familie keine Rolle. Vom Ungarn der Rákosi-Ära, von der Niederschlagung des Volksaufstands 1956 und dem aufgeweichten "Gulasch-Kommunismus" des Kádár-Systems erfährt der Leser nur das, was im harten Alltag der Armen ankommt. Es bedeutet nicht viel, wenn ein Nachbar mit "Imperialistenschwein! Mörder!" beschimpft wird oder jemand plötzlich verschwindet, ohne dass man weiß, ober er eingesperrt wurde oder abgehauen ist.

Arm, aber eigenwillig

"Klari-Oma", diese liebevolle Anrede hat sich die bizarre alte Frau selbst verliehen. Eine "Klari-Mutter" war sie nie, dazu war sie zu labil. Ihre Tochter Vera wuchs erst in staatlicher Obhut im Heim, dann als Pflegekind einer jüdischen Familie in einer winzigen Wohnung auf, zusammen mit der geistig behinderten Edu, der Schwester ihrer Pflegemutter. Das Geld ist immer knapp; manchmal so knapp, dass Vera über Winter kurzerhand auf der Krankenstation des Hospitals, in dem die Mutter und ihre Schwester arbeiten, einquartiert werden muss. Als nicht mehr ausreichend zu essen da ist, ziehen Zwischenmieter in die Küche ein, Artistenbrüder, die nicht weniger als ihre Wirtsleute am Hungertuch nagen.

Keine Arbeiterromantik

 

Ungarische Arbeitersiedlung, 1960

Es ist ein hermetisches Leben, eine Welt ohne leuchtenden Hoffnungsstreif am Horizont. Krisztina Tóth, die in Ungarn zunächst als Lyrikerin bekannt wurde, beschreibt sie ohne Nostalgie. Die Segnungen der Revolution dringen nicht bis in die Wohnungen des Lumpenproletariats, in deren Enge, Mief und Gestank Romantik keinen Platz hat. Reich werden? Daran kann erst Veras grobschlächtiger Ehemann in den 70er Jahren denken. Für die Nachkriegsgeneration gilt: "Wer arm ist, der wird niemals reich."

Wie Fische in einem Aquarium sind die Figuren in ihrem Milieu gefangen. Keine ist wirklich gutherzig, jede auf ihre Weise beschädigt und mit dem Überlebenskampf beschäftigt. Gesellschaftliche Muster und Zuschreibungen können sie nicht durchbrechen.

 

Ohne Voyeurismus, mit kühlem Gefühl

Trotzdem ist der Roman nicht düster. Die Autorin beschreibt ihre befremdlichen, grotesken Protagonisten mit Liebe und oft auch voller Komik – nüchterner, manchmal trauriger Komik. Der Roman ist auf intelligente Weise untheoretisch und handlungsreich. Er lebt durch viele phantasievolle Details, die das Ungarn jener Jahre sehr authentisch wiederauferstehen lassen.

Der renommierte, für seine kulturmittlerische Tätigkeit schon mit dem Verdienstorden der Republik Ungarn und dem österreichischen Staatspreis ausgezeichnete Übersetzer György Buda hat für seine Übertragung ein österreichisch gefärbtes Deutsch gewählt. Seine Sprache passt sich dem beschriebenen Soziotop bestens an.

 

 

 

 

 

 

Krisztina Tóth: Aquarium

RAIFFEISENZEITUNG

21/2015

 

Schräge Vögel

Eigentlich ist das Leben von Großmutter, Mutter und Tochter trist, geprägt von drückender Armut und Hoffnungslosigkeit. (Der zeitliche Rahmen spannt sich von den Jahren nach
dem Krieg bis in die 70er Jahre in Ungarn.)
Und doch gelingt es Krisztina Töth, auch in den dunklen Szenarien eine gewisse Komik aufblitzen zu lassen und die "kleinen Leute" mit ihren Überlebenskämpfen in rührender Liebenswürdigkeit zu schildern: Da ist die absolut schräge Großmutter in ihrer
Souterrain-Wohnung mit dem Aquarium, in dem nur die fittesten Fische überleben, die flatterhafte Mutter, die bei allen Entbehrungen doch immer wieder liebevolle Ziehmutter, da bevölkern geistig behinderte Verwandte, Krankenpfleger, Akrobaten und viele andere
"schräge Vögel" das Leben der kleinen Vera: Skurril-liebenswerte Verlierer, die in ihrer gesellschaftlichen Schicht gefangen sind.

 


 

Ferenc Barnás: Der Neunte
Traumatisch
Kleine Zeitung, Graz, Klagenfurt - 13.03.2016

Wortkarg wie Ágota Kristóf, beklemmend wie György Dragomán: Mit Ferenc Barnás meldet sich ein weiterer großer Erzähler aus Ungarn,
dessen traumatische Kindheitsgeschichte ins Jahr 1968 und in die Hoffnungslosigkeit führt.
Ein zutiefst berührendes Geschichtspanorama eines virtusosen Dichters

 

Ferenc Barnás: Der Neunte

Gudrun Brzoska

13. September 2015

 

Im Traum ist er mutig, da nimmt er es sogar mit seinem Peiniger Perec auf und erledigt ihn einfach. Er, der Erzähler, ist das neunte von elf Kindern einer bitterarmen Familie in Ungarn. Nach dem Krieg wurde sein Vater aus der Volksarmee entlassen, weil er sich weigerte der Partei beizutreten. Daraufhin war er gezwungen, einen Beruf nach dem anderen zu lernen. Den „Roten“ wollte er es zeigen. Und so kam er auf den Gedanken, heimlich Rosenkränze zu fabrizieren und später auch Heiligenbilder zu vermarkten. Im Jahr 1968, während der Kádár-Diktatur, ist die Familie gerade dabei, mit Hilfe eines Darlehens ein größeres Haus zu bauen. Vor zweieinhalb Jahren waren sie aus Debrecen nach Pomáz, nahe Budapest, gezogen und leben seit-her in einer Einzimmerwohnung auf 20 Quadratmetern. Nur die älteste Schwester, Klara, war dort geblieben weil sie geheiratet hatte.

Der neunjährige Erzähler, behindert von Sprachproblemen und einer Handverletzung, der nur zweimal bei seinem Spitznamen gerufen wird – liebevoll von seiner Schwester „Struwwelchen“ – oder im Zorn vom Bruder „Blauer!“ – ist die Stimme seiner Familie. Er macht sich über alles Gedanken, was er sieht und erfährt, spontan, ungeordnet. Es ist eine einfache, klare, aber nicht kindliche Stimme, welche da Wahrheiten aufdeckt und ausspricht: die bedrückende Armut, die sie zu Außenseitern macht, die übergroße Nähe auf den zusammengestellten Betten, gleichzeitig die körperliche Distanz, ja Prüderie der Eltern und über allem der Zusammenhalt in der Familie.

Die Mutter hatte eigentlich Pianistin werden wollen, dann Nonne, bis sie den Vater kennen lernte, der damals Offizier war. Seine Offiziersallüren hat er beibehalten und kommandiert nicht nur die Familie, sondern auch Nachbarn, Arbeitskameraden und alle Welt schneidig herum. Ausnahmen macht er nur, wenn er „Staatsleute“ vor sich hat. Von seinen Kindern verlangt er, dass sie arbeiten sollen wie er: „Ich glaube, in erster Linie stört ihn, dass wir liegen, und dann erst, dass wir nicht arbeiten. In seinem Kopf vermischen sich die beiden Sachen vermutlich, deshalb schreit er wohl an einem Tag das >Es-ist-ungesund-so-viel-zu-schlafen< und am anderen Tag das >Solang-ihr-rumliegt-soll–ich-mich-abrackern Die Mutter scheint nur dann richtig lebendig zu werden, wenn sie in der Kirche ist und Harmonium spielt.

Ihre Armut ist nicht nur existenzbedrohend, sie ist eine Katastrophe für den Erzähler, der alles daransetzt, niemanden merken zu lassen, welche Zustände zu Hause herrschen. Und trotzdem, Kind, das er ist und nichts anderes kennt, nimmt er hin, was kommt, das herrische Wesen des Vaters, die Schläge, die Marotten seiner Geschwister, das Mobbing durch die Schulkameraden, die in ihm das wehrlose Opfer spüren. Wehren tut er sich nur im Traum. Tagträume hat er nicht. Dafür ist keine Zeit – da muss der Alltag bewältigt werden: Die Kälte im Haus, wenn kein Geld da ist für Kohlen, das unregelmäßige Essen, der ständige Hunger, der ihn in die Metzgerei und ins Café treibt, nur um sich dort Wurst oder Kuchen anzuschauen, der Blick in die Fenster anderer Leute: „Im Allgemeinen gefällt mir am besten, dass es überall sauber ist und dass es richtige elektrische Lampen gibt“. Die vielen Gedanken, die er sich über alles machen muss. Erklärt wird nichts, die Kinder haben zu gehorchen.

Er erzählt von seiner Familie, porträtiert seine Geschwister, berichtet nüchtern vom Schulalltag, beobachtet seine Mitschüler, schätzt ihre Schwächen und Stärken ein, er erzählt von Frau Véra, seiner Lieblingslehrerin, die ihm wohlgesonnen ist – und auch mal mit der Hand über den Kopf streicht. Gleichmütig kommentiert er seine Schwierigkeiten beim Lesen und Sprechen, vor allem wenn er Hunger hat: „Eigentlich denke ich um diese Zeit schon an das Pausenbrot, es fällt mir auch dann ein, wenn ich es gar nicht will, und so muss ich mich schon damit beschäftigen, was wir heute wohl als Pausenbrot bekommen. Davon hängt ab, wie viele ihren Teil auf dem Tablett liegen lassen. …“

Dem Bau des größeren Hauses wird alles geopfert: Geld für regelmäßiges Essen, für Kleidung. Dafür müssen alle in der Familie Opfer bringen: Die Mutter und die Schwestern, die ihr ganzes Geld abgeben müssen, der Vater, der alles daran setzt, mit den Kindern im Akkord Rosenkränze zu fabrizieren. Es ist ein Kampf ums Überleben, ein Kampf um aus der quälend-zähen Armut heraus zu kommen, die an ihnen klebt. In der Schule würde der Neunte gern erzählen, dass sie den Bau des großen Hauses fortsetzen, doch er spricht mit niemandem.

Mit seinen kleineren Geschwistern bekommt er immer mal wieder Gelegenheit bei Beerdigungen zu ministrieren. Von dem verdienten Geld kauft er sich etwas zu essen: Wurst und Brot.

Als sie endlich ins neue Haus einziehen können, kommt es ganz anders, als erträumt. Jeder hat nun sein eigenes Bett, aber: „Ich habe so lange auf diesen Abend gewartet, dass ich jetzt am Ende unfähig bin, ihn richtig zu erleben. – … und doch, von meinem eigenen Bett hatte ich gedacht, ich würde mich darin so freuen, wie ich das in den vergangenen Monaten geplant hatte. Es scheint, wir müssen einen Zustand, wenn wir nicht in ihn hineingeboren werden, erst extra erlenen.“

Als der Vater dann die Idee hat, auch noch Heiligenbilder zu vervielfältigen, wird der Familie das Bad weggenommen, das wird seine Dunkelkammer. In genauer Terminplanung müssen selbst die Kleinen schon vor der Schule Heiligenbilder kolorieren, oft auch noch abends bis neun oder zehn Uhr. Alles Geld wird in Material gesteckt – und als ein früher Winter mit großer Kälte kommt, muss die Mutter ihr Harmonium verkaufen – für Kohlen.

In dieser Zeit begeht der Neunte einen Vertrauensbruch. Ausgerechnet gegenüber seiner Lieblingslehrerin. Auslöser war die bestürzende Erkenntnis, dass er aus einer Kleidersammlung den Pullover eines Mitschülers bekommen hat – und dieser es bemerkt hat. Danach gehen ihm ohne Übergang tausendundein Gedanke durch den Kopf: – sein ganzes Leben – die Eltern – die Mitschüler – die Geschwister – die Sachen, die sie aus der Sammlung kriegen – der Pullover, den er weggeschmissen hat – das erste Mal, als die Jungs ihn quälten – morgen wird er in der Messe ministrieren

Die beiden liebsten Menschen hat er enttäuscht, seine Mutter, die ihm nun wie eine Fremde vorkommt und die Lehrerin, die er immer noch liebt.

Ein großartiges kunstvolles Buch, das wieder einmal (nach Borbély, Die Mittellosen und Tóth, Aquarium) das elende im ungarischen Kommunismus totgeschwiegene Leben beschreibt. Es hält den Leser gefangen, bis zur letzten Seite. Es ist die nüchterne klare Sprache, die genaue und unbefangene Beobachtung, die Situationskomik, die Schwächen, seine eigenen und die seiner Umwelt, die der neunjährige Junge aufspießt und die den Leser weitertreibt, nicht etwa umwerfende Ereignisse. Es ist der Blick in die Seele eines alten Kindes, welches in seinen jungen Jahren schon so viel hat durchstehen müssen und das alles fast ohne Rebellion, aber auch ohne sich entmutigen zu lassen, über sich ergehen lässt und als er schuldig wird, auch zum ersten Mal in seine eigene Seele blickt.

 

 

Ferenc Barnás: Der Neunte

Jörg Plath

Das Paradies muss warten

Neue Zürcher Zeitung

09.09.2015

 

 „Der Neunte“ – Ferenc Barnás` grossartiger Roman über ein bitterarmes Kinderleben in der Provinz

In der weltliterarischen Provinz Ungarn entstehen aus noch unbekannten Gründen bemerkenswerte Kindheitsgeschichten. Imre Kertész' «Roman eines Schicksallosen» , Péter Nádas' «Die Bibel» , György Dragomans «Der weisse König» und Szilárd Borbélys «Die Mittellosen» sind sämtlich grandiose Romane, erzählt von einem Heranwachsenden, der inmitten der Gewalt nicht verzagt. Mit Ferenc Barnás Roman «Der Neunte» erhält die illustre Liste der eben genannten Bücher Zuwachs. Ein wunderbarer ungarischer Schriftsteller – noch einer! – ist zu entdecken…

Die Welt des Neunten ist geschlossen und ohne Ausweg, jedoch voll starker Bilder der Unbehaustheit, des Mangels und der unbewussten Sehnsucht. Fiktive Räume wie Erzählungen, Bücher, Bilder, Theater Gefühle fehlen vollständig, weshalb die geschlossene Welt bizarre und phantastische Züge bekommt…

«Der Neunte» erschien bereits 2006 in Ungarn, wurde in den USA und in Irland für wichtige Preise nominiert und ist nicht Ferenc Barnás' erste Veröffentlichung. Sein letzter Roman, «Der andere Tod», erhielt den ungarischen Aegon-Literaturpreis 2013 für das beste Buch des Vorjahres und wird bald ebenfalls im Wiener Nischen-Verlag erscheinen. Der Autor hat ein unstetes Leben hinter sich: 1959 in Debrecen geboren, war er u. a. Postbote, Bergmann, Hilfsarbeiter, Fahrer, Bibliothekar, Erzieher geistig behinderter Kinder und Strassenmusiker. Ausserdem hat Barnás ungarische Literatur studiert und über Hermann Hesse promoviert, unterrichtete am Gymnasium Literatur und Philosophie sowie an der Budapester Universität Musikphilosophie.

Den Humor hat er bei alledem nicht verloren. Als das neue Haus der Familie endlich fertig ist, freuen sich die Kinder auf das erste Badezimmer ihres Lebens – das der Vater sofort beschlagnahmt, um dort eine Dunkelkammer für die Produktion von Heiligenbildern einzurichten. Gottergeben kolorieren die Kinder vor Weihnachten 7000 Stück. Das Paradies muss warten.

Ferenc Barnás: Der Neunte. Roman. Aus dem Ungarischen von Eva Zador. Nischen-Verlag, Wien 2015. 223 S., Fr. 28.40.

 


 

Ferenc Barnás: Der Neunte

www.belletristik-couch.de

Claire Schmartz

 

Der Erzähler ist ein neunjähriger Junge, das neunte Kind einer gläubigen katholischen Familie, die in tiefer Armut auf kaum zwanzig Quadratmetern zusammenlebt. Der Roman spielt 1968, während der kommunistischen Diktatur, einer Zeit voller Lügen und Zwang, erzählt werden die Geschehnisse von etwas mehr als einem Jahr, in dem der Junge ständig um das nötige Essen, um Kleidung und einen Schlafplatz kämpft. Der Autor beschwört in einer eigenartig klaren, kindlichen Sprache die bedrückende Atmosphäre dieses Lebens, die grausame Öde in Familie und Schule, dieses quälende Elend voller Hunger, Entbehrung und Scham. Der Leser wird unmittelbar hineingerissen in die Traumata dieser Kindheit, in das Schuldbewusstsein und den Alltag dieser Zeit. Die Sprachkunst des Buches verweist mit seinen kargen Worten auf die Abgründe des Unausgesprochenen. Dieser autobiografisch inspirierte Roman wurde in der Kritik als wahres Meisterwerk gefeiert.

 

 

Ferenc Barnás: Der Neunte

 

Ungarn 1968. Die Kommunisten unter Kádár sind an der Macht und die Familie eines ehemaligen Offiziers lebt in bitterer Armut.

Der Neunte ist die Erzählung des Lebens eines neunjährigen Jungen und seiner Familie. In einem kleinen Ort in der Nähe von Budapest wächst er auf, als neuntes Kind seiner Eltern. Insgesamt sind es elf Kinder, die ihre Eltern durchbringen müssen.

Seine Mutter, die von einer Karriere als Konzertpianistin träumte und deren Harmonium zu guter Letzt aus Geldmangel verkauft werden muss, arbeitet in einer Fabrik, ihr Mann behält das Kindergeld für seine Geschäfte ein und doch ist sie es, die die Familie zusammenhält. Ihr Glaube sorgt nicht nur dafür, dass alle die Sonntagsmesse besuchen und dass täglich für den Pfarrer und andere Mitmenschen gebetet werden muss, sondern auch dass sie mit ihrem Orgelspiel in der Kirche zusätzliches Geld verdienen kann und die Kinder als Hilfe bei Begräbnissen den einen oder anderen Forint verdienen.

Sein Vater ist ein ehemaliger Offizier, der sich mit den "roten Proleten" nicht anfreunden kann. Er wurde aus der Volksarmee entlassen wurde und muss nun bei der Bahn „dienen“. Der Herr im Haus weiß alles besser, hadert mit sich und der Welt und es ist nicht selten, dass die Kinder mit dem Rohrstock bestraft werden. Manchmal übernimmt die Mutter die Strafe für Ihren Lieblingssohn. Der Vater jedoch fertigt neben seinem Beruf noch Rosenkränze an und verkauft diese an Katholiken und Pfarren in der Umgebung um damit das Haushaltsgeld aufzubessern. Die Kinder werden mit harten Hand angehalten, beim Rosenkranzbinden mitzuarbeiten. Schließlich schmeißt der Vater seinen Job hin und steigt auf eine Heiligenbilder-Produktion um.

Dazwischen wird auch noch unter seiner Führung ein großes Haus gebaut.

Und dann ist da noch die ganze Kinderschar, um die sich eigentlich niemand kümmern kann. Die älteren passen auf die jüngeren auf, einige mussten die Schule verlassen – vom Vater angehalten – und arbeiten gehen, um zum Haushaltsgeld beitragen zu können. Außerdem sind alle – bis auf wenige Ausnahmen - vom Vater bei der Rosenkranz- und später bei der Heiligen-Bildproduktion eingeteilt.

Barnás schildert das Leben aus dem Blickwinkel des neunten Kindes, die Zeit, in der sie in einer kleinen Wohnung – auf engstem Raum in zwei Zimmern und drei Betten alle zusammen leben müssen, bis das große Haus, das Vater bauen möchte, fertig ist. Das Problem mit den Flöhen, die Schwierigkeiten der Mutter weder die Kinder ausreichend ernähren zu können, noch im Winter heizen zu können.

Und dennoch, für den „Neunten“ scheint das alles kein allzu großes Problem zu sein, obwohl er sich hin und wieder wegen ihrer Situation vor den anderen Kindern geniert, in Geschäfte geht, einfach um den Duft eines Zuckertörtchens oder einer Paprikawurst  einatmen zu können...

Das Buch ist aus seiner Perspektive geschrieben, er erzählt was er erlebt, was er denkt. Obwohl es ein ruhiges Buch ist, in dem die Handlung dahingleitet, bis auf wenige Ausnahmen nichts Spannendes passiert, ist man von der Geschichte fasziniert und kann es kaum aus der Hand legen. Ein großes Kompliment ist auch der Übersetzerin Eva Zador zu machen. Das Buch ist spannend und aufregend in den kleinen Dingen, die eben für Kinder viel Bedeutender sind, als für Erwachsene. In einer Ausdrucksweise, die auf der einen Seite dem kindlichen Erzähler gerecht wird, auf der anderen Seite aber seltsam erwachsen klingt. vielleicht ist es gerade dieses Spannungsverhältnis, das das Buch so lesenswert macht.

Ein großes Stück Literatur und ein Autor, den man sich merken sollte. 

 

 


 

Marianna D. Birnbaum: Esterházy, Konrád, Spiró in Jerusalem

Kurier Gesamtausgabe

03/04/2015

 

Von Israel lernen, ein Land zu modernisieren Aufbau. Marianna D. Birnbaum, Literatur-Professorin an der renommierten University of California, interviewt ungarische Schriftsteller und Intellektuelle - Peter Esterhazy, György Konräd und György Spiro - über ihren Besuch in Jerusalem und ihre Erfahrungen in Israel. Aus den Gesprächen erfährt der Leser ungeheuer viel über den Aufbau und die Geschichte des jüdischen Staates, den Wirtschaftsaufschwung, die Kultur und die Art des Denkens. Das sind keine philosophischen Gesprä- che, sondern machen Lust, Israel näher kennenzulernen. Wenn man Unternehmer ist, verspürt man die Lust, in Israel zu investieren. Auf jeden Fall kann man lernen, wie man ein Land unter widrigen Umständen nach vorne bringt: Nämlich durch Bildung seiner Bürger sowie Forschung & Entwicklung. Herausgegeben hat diesen Band der Wiener "Nischen-Verlag", der mit seinem tollen Angebot viele Nischen ausfüllt. – MK

 

Marianna D. Birnbaum: Esterházy, Konrád, Spiró in Jerusalem

Neue Zürcher Zeitung

03.03.2015, Nr. 51, S. 43 / Feuilleton

 

Die Reise nach Jerusalem

J. Lr.  Eine gemeinsame Postkarte ihrer Schriftstellerfreunde aus Jerusalem brachte die ungarischstämmige, in den USA lebende Kulturhistorikerin Marianna D. Birnbaum auf die Idee, einen Gesprächsband mit Péter Esterházy, György Konrád und György Spiró über die «versprengten Völker» der Juden und Ungarn, jüdische Identität, israelische Politik und ungarischen Antisemitismus herauszugeben. Während Esterházy bekennt, dass er sich vor allem als Katholik und Europäer für die Geschichte Palästinas interessiere und ihm das moderne Israel «unsympathisch» sei, identifiziert sich Konrád, der knapp dem Holocaust entkam, in hohem Mass mit dem Schicksal des jüdischen Staats. Ähnlich fragil wie bei Konrád ist das Selbstverständnis des Erzählers und Dramatikers Spiró. Erst als Schüler erfuhr er, dass er aus einer jüdischen Familie stammt. 1986 wurde er Opfer einer antisemitischen Hetzkampagne. «Davon, dass ich unentwegt wegen meiner jüdischen Herkunft diffamiert, geschmäht und verleumdet wurde, bin ich kein Jude geworden.» Auch mit der Heimat Ungarn tut er sich schwer. «Ich habe manchmal das Gefühl, dass ich kein ungarischer Autor mehr sein kann, andererseits kann ich noch viel weniger ein nichtungarischer Autor sein.» Allein der Nonkonformismus dieses «Welterfolgslosen», wie Spiró sich einmal selbstironisch nennt, macht das Bändchen lesenswert. 

Marianna D. Birnbaum: Esterházy, Konrád, Spiró in Jerusalem. Aus dem Ungarischen von Peter Bognar. Nischen-Verlag, Wien 2014. 144 S., Fr. 24.50.

 

Marianna D. Birnbaum: Esterházy, Konrád, Spiró in Jerusalem

Gregor Auenhammer -Der Standard
27.11.2014

Nächstes Jahr in Jerusalem!

Zu Hause scheinen wir die zu sein, die wir sind. Ich kann zwar meine Mutter verlassen, mich selbst aber nicht. Es ist mir unmöglich, jenes halbe Jahrhundert, das ich am Donauufer verbracht habe, nur so hinter mir zu lassen. Eine Geschichte, die sich vor langer Zeit ereignete, nimmt märchen-hafte Züge an. Für einen heillos verstockten Menschen wie mich ist die Vergangenheit meine Mutter-erde, denn nur mit ihr bin ich ganz. (...) Stirbt der Mensch, wandelt er sich unweigerlich zu einem Mär-chenwesen.“ Entlang dieser These, die Marianna Birnbaum einem Bekenntnis gleich einem Kapitel ihrer Interviewsammlung mit den Literaten Péter Esterházy, György Konrád und György Spiró scheinbar unvermutet voranstellt, hinterfragt die in den USA lebende, an der UCLA in Los Angeles lehrende Literatur- und Kulturhistorikerin unterschiedlichste Identitäten. Begriffe wie Heimat, Nationalismus und Religionszugehörigkeit diskutieren die drei Schriftsteller entlang einer gemeinsamen Reise nach Jerusalem. Vor dem Hintergrund zweier „versprengter Völker“, unterworfen, entrechtet, vertrieben, geübt „in der Kunst des Überlebens“ (wie Horst Krüger es formulierte), philosophieren die Literaten sehr persönlich über Kindheit, Schule, Spiritualität, Vertreibung und darüber, wie es ist als jüdische Ungarn, ungarische Juden oder Ungarn des österreichisch-ungarischen Hochadels. Die Last und die Pflicht der Geschichte, der Umstand der lange Zeit verschwiegenen Mitschuld am Holocaust, der Schuld der „Pfeilkreuzler“, des Horthy-Regimes, die Desinformation und das Desinteresse der Machthaber und eines großen Teils der Masse sind ebenso Thema wie die aktuelle politische Desorientiertheit und Borniertheit angesichts drohender Gefahren für Demokratie, Recht und Gerechtigkeit. In Ungarn, Israel und anderswo. Dennoch – oder gerade deshalb? – sagt Péter

 

Esterházy: „Man hat zu seinem Land nicht deshalb ein leidenschaftliches Verhältnis, weil von allen das beste ist, sondern weil es das eigene ist.“

 


István Kerékgyártó: Rückwärts

MO Magazin für Menschenrechte

 

38/2015

rückwärts

Seit der Jahrtausendwende schreibt der ehemalige Philosophieprofessor,Geschäftsmann und Regierungsmitarbeiter Istvan Kerekgyärtö Geschichten, die durch verschiedene Lebenswelten der ungarischen Gesellschaft führen. Auch das 2012 in der ungarischen Originalversion und im Vorjahr in der deutschen Übersetzung erschienene Buch "Rückwärts" beginnt bzw. endet im heutigen Ungarn und führt durch Welten großer ökonomischer Hoffnungen und fehlender sozialer Sicherheit. Kerekgyärtö beginnt seinen Roman mit dem Fund der namenlosen Leiche des Hauptcharakters. Der Mann wird nach einer kalten Winternacht nackt, verwahrlost und mit viel Alkohol im Blut auf einer Parkbank gefunden: Tod durch Erfrierung. Die Budapester Polizei beschäftigt sich nur kurz mit dem offensichtlichen Fremdeinwirken auf den Tod des glücklosen Mannes - vor allem weil sich auch sonst niemand für sein Ableben zu interessieren scheint. Mit jedem der 18 Kapitel macht der Autor einen Sprung rückwärts im Leben dieser Leiche. Vom obdachlosen Bettler, der nur als "der Lahme" identifiziert warden kann, wird er zum desillusionierten Nachtwächter Zsolt Vidra. Aus einem gescheiterten Kleinkriminellen wird er zum ambitionierten Gastgewerbelehrling. Vom Einzelgänger, für den sich niemand interessiert, zum Freund, Ehemann, Vater oder Sohn. Mit fast jedem der

Rückwärtssprünge steigen Zsolt Vidras Hoffnungen und Chancen auf ein glückliches und erfülltes Leben. Es wird immer klarer, dass alle unglückliche Wendungen in Richtung des traurigen Ausgangs seiner Biografie solche sind, die nie ausschließlich auf schlechte oder falsche Entscheidungen zurückzuführen sind. Mit jedem Sprung zurück wird es leichter, sich in die Lage von Zsolt Vidra hineinzuversetzen und sich mit dem unglücklichen Hauptcharakter zu identifizieren. Die knapp 200 Seiten sind schnell gelesen, es fällt schwer, das Buch zwischendurch zur Seite zu legen. Auch wenn die Erzählweise keine Hoffnung auf ein Happy End aufkommen lässt, erwartet man die Rückwärtssprünge mit Spannung, "rückwärts" regt an, nach Biografien zu fragen, statt zu beund zu verurteilen. 

 

 

István Kerékgyártó: Rückwärts

Endstation Moszkva-Platz

István Kerékgyártó erzählt in „rückwärts“ vom Leben am Rande der Gesellschaft

Von Frank Riedel

 

Der 1953 im südungarischen Kaposvár geborene István Kerékgyártó  studierte Jura und Philosophie, arbeitete als Hochschuldozent, danach in der Wirtschaft, und war als stellvertretender Staatssekretär Mitglied der Regierung, bevor er sich seit 1999 dem Schreiben widmete. Er selbst spricht von seinem vierten Leben als Schriftsteller. Sein vierter Roman rückwärts(Originaltitel: rükverc) ist nun beim Nischen Verlag auf Deutsch erschienen und feierte in Ungarn auch als Theaterstück bereits großen Erfolg.

Zsolt Vidra, die Hauptfigur des Romans, kam als Weihnachtskind in den 1950er-Jahren im sozialistischen Ungarn zur Welt. Keine leichte Geburt, denn der Vater wanderte wegen Diebstahls schon vorher ins Gefängnis, während die Mutter mit allen natürlichen Methoden versuchte, ihrem ungeborenen Sohn das Leben zu ersparen. Als der Säugling dennoch dem Mutterleib entschlüpfte und eine schwere Diphterie überlebte, wurde ihm ein gutes, gesundes und erfolgreiches Leben vorausgesagt – welch ein Trugschluss.

Der kriminelle Vater machte schon dem Kind, aber auch dessen Mutter, schwer zu schaffen. Häme, Spott, Anmache und Beschuldigungen waren in der Nachbarschaft und Schule an der Tagesordnung. Als Zwölfjähriger hatte Zsolti dann auf einer Zugfahrt eine zwielichtige Begegnung mit einem schmierigen Pädophilen. Schlecht war er in der Schule nicht, aber er schwänzte zu viel, rauchte, trank Alkohol und forcierte seine sexuelle Aufklärung mit schweinischen Heften und Anschauungsunterricht bei der eigenen Mutter, die die Haftstrafen des Vaters nicht asketisch verlebte. Der erste Job, Verlader im Fleischkombinat, brachte erste eigene, ausschweifende Erfahrungen mit dem wunderschönen Zigeunermädchen Zsuzsi. Schon da bestand das Berufsleben für ihn aus Tricksen, Betrügen und Abstauben. Unter den Fleisch-, Milch- und Brotwagen gab es einen regen Austausch von „Gemopstem“ und die Frauen und Mädchen der belieferten Dörfer waren Zielscheibe männlicher Lust.

Das „Bescheißen“ und „Bumsen“ steigerte sich noch, als es Zsolt Vidra in Siófok am Plattensee als Kellner mit reichen Schnöseln, deutschen Touristen und Nutten zu tun bekam. Diese „Karriere“ wurde jäh von der Einberufung zur Armee abgebrochen. Aber auch die Tage als Sanitätssoldat haben ihm selten Schönes beschert. Einen Lichtblick erhoffte er sich, als ihn sein nach Singapur ausgewanderter jüdischer Schulfreund Tamás mit Frau, Kind und Oma zu einer Tour ins endlich bereisbare Österreich einlud.

Der Besuch im Konzentrationslager Mauthausen ist ein selten so ergreifend ausgedachtes Horrorszenario. Vidra wollte mit Tamás´ zweijährigem Sohn auf dem Arm draußen warten. Als der Kleine nach der chinesischen Mutter schrie und sein Aufpasser deshalb mit ihm, den Eltern hinterher, in die grausamen Folterräume, Gaskammern und Krematorien hinabstieg, steigerte das Unbehagen des Beschützers und die Angst, die jeden Besucher solcher Orte befällt, das Geschrei ins Unermessliche. „Das Kind […] brüllte wie am Spieß“ und „mit Todesschreien“, bis es endlich wieder bei der Mutter war.

Die eigene Familie erlebt wie die Hauptfigur selbst einen unaufhaltsamen Niedergang. Der Vater landete nach insgesamt 22 Jahren Knast für seine lausigen Panzerschrankknackereien in erbärmlichem Zustand in einem Heim für psychisch Kranke, Erzsi, die Ehefrau, war am 15. Hochzeitstag in seinen Augen „eine fette Sau geworden“, die er rausschmiss, als er sie mit dem Metzger im Bett erwischte. Zu der einzigen Tochter baute er zeitlebens keine richtige Beziehung auf und seine Mutter, die aufs Land gezogen war, starb später, aus Bosheit verstummt, im gleichen Heim wie sein Vater.

Als Nachtwächter in einer Fabrik war Vidra zwar nur „einen Ameisenfurz über den Putzfrauen“, fühlte sich aber als Gigolo und stellte, nachdem seine Frau ihm untreu geworden war, jedem Rockzipfel nach. Als ihm die hübsche Sekretärin und ihr halbseidener Freund ein Unternehmerleben wie in seiner Lieblingsfernsehserie Das Leben der Guldenburgs versprachen, ging er der Versuchung und den Drahtziehern auf den Leim. Neben der Gesundheit kostete ihn das Abenteuer auch seinen Job.

Was dem geschundenen Mann bleibt, ist die Straße, die Obdachlosenheime rund um den Moszkva-Platz, Jobs als Schläger und Geldeintreiber, als Ladendieb, Versuchskaninchen für Hundefutter, Bettler oder Flaschensammler. So endet das bittere Leben des Zsolt Vidra am 27.12.2011, als er in Budapest erfroren auf der Straße gefunden wird.

Und genau hier fängt der in 18 Geschichten erzählte Roman an. Ja, er wird vom Tod des Protagonisten in der Gegenwart, vom Ende her rückwärts bis zu seiner Geburt erzählt. Mit dieser Idee eröffnet sich der Autor die Möglichkeit, den Leser, der bis zum Schluss hofft, einen tragischen Grund für das grausame Schicksal des als Penner sterbenden Zsolt Vidra genannt zu bekommen, jedes Mal aufs Neue zu enttäuschen. Zusätzlich wird dieser Spannungsbogen auch in den einzelnen Texten aufgebaut und gipfelt stets in einem weiteren Unglück. Kerékgyártó nutzt beeindruckend auch die Überschneidungen der einzelnen Geschichten: Man wird so Stück für Stück klüger und versteht besser, was man bereits gelesen hat. Jedes Gebrechen des Verstorbenen, jeder verlorene Zahn, jede kaputte Autolampe erscheint als Vorfall in der folgenden Vergangenheit.

Die Sprache und der Tonfall sind dem bildungsfernen Milieu angepasst derb, ja vulgär wie bei Charles Bukowski. Schöne Worte passen auch nicht zu den schmutzigen Orten, Gedanken und Erlebnissen, die Kerékgyártó schildert. Dabei ist die Aussichtslosigkeit eines glücklosen Lebens, das hier im sozialistischen und später neokapitalistischen Ungarn am Leser vorbeizieht, andernorts genauso denkbar. Einen geborenen Verlierer, braven Arbeiter, Kellner, Nachtwächter, Tagelöhner und Penner, einen der schummelt, betrügt, der an nicht vorhandene Chancen glaubt, sich unglücklich verliebt oder sich auch nur lüstern auslebt, einen, den man ins Herz schließt, den man bemitleidet – so einen gibt es überall. Kerékgyártó gibt den tristen Schauplätzen und traurigen Gestalten ein Gesicht, fügt schonungslos aber kunstvoll Detail an Detail und gewährt seinen Lesern so einen schrecklich realistischen Einblick in menschlichen Abgründe, über die man hoffentlich nur lesen wird.

 

István Kerékgyártó: Rückwärts

LiesMalWieder.de
3.11.2014

Der Band begleitet den ewigen Verlierer Zsolt Vidra durch sein Leben, von heute bis in die Fünfzigerjahre, zeitlich rückwärts, von seinem Tod bis zu seiner Geburt. Modrige Zimmer zur Untermiete, enge Plattenbauwohnungen, graue Fabrikhallen, verrauchte Kneipen, ausgestorbene Kasernen, schäbige Krankenhäuser, Gefängnisse, Obdachlosenheime – das sind die Schauplätzen dieser gnadenlos ehrlichen Geschichten.
Ihre Helden sind kleine Leute am Rande der Gesellschaft, die – solange sie noch Arbeit hatten – Kellner, Fahrer, Verkäufer, Sicherheitsleute und auch im vorherigen System Verlierer waren.Verwandt sind sie mit den Helden der Schriftsteller Péter Hajnóczy oder Sándor Tar, Alkoholiker, arbeitslos, krank oder im Alter allein gebliebene und im Stich gelassene Frauen und Männer.
István Kerékgyártó kennt die Schauplätze gut, an denen sich seine ungelernten, ausgelieferten Helden bewegen, die Tricks und Demütigen, die sie erdulden müssen.Mit den auffallend vielen lebendigen und beißenden Dialogen des Bandes verleiht der Autor diesen kleinen Räumen Weite und Universalität.
István Kerékgyártó wurde 1953 in Kaposvár geboren. Er studierte Jura und Philosophie, war Dozent an der Universität, Beamter und Geschäftsmann. Mit siebenundvierzig Jahren kehrte er seinem bisherigen Leben den Rücken und begann zu schreiben.

 

István Kerékgyártó: Rückwärts

August 26, 2014 in 

VON MICHAELA MOTTINGER

Von der Bahre bis zur Wiege

 

Er ist weder besonders klug, noch ist er ein besonders guter Mensch, und doch fragt man sich, warum er so enden musste – als Sandler, nackt, erfroren auf einer Budapester Parkbank. Er hatte doch auch gute Tage gehabt. “Rückwärts” ist der Titel des Romans, in dem der ungarische Autor István Kerégyártó grandios vom Dasein des Zsolt Vidra erzählt, beginnend mit seinem Ende und endend mit seiner Geburt. Ein wenig “Der seltsame Fall des Benjamin Button” von F. Scott Fitzgerald weht durch dieses Buch, das im September im Nischen Verlag erscheint. 

In jeder auch einzeln lebensfähigen Geschichte des Romans wird ein Lebensabschnitt eines restlos scheiternden Mannes erzählt, rückwärts, vom Ende bis zu den Anfängen noch vor seiner Geburt. Auch das Prinzip jeder einzelnen Episode ist rückwärts gerichtet. Keimt irgendwo Hoffnung auf, so wird der unglückselige Held immer wieder zurückgeworfen, jede Station macht ihn schwächer, er verliert Seite für Seite an Kraft und Menschenwürde bis zu seinem schrecklichen Tod, erniedrigt und beleidigt. Dennoch aber baut sich im universalen Unglück eine Wärme auf, die der dargebotenen Fatalität entgegen steuert. Als Leser sucht man und ergreift die Chancen auf eine mögliche Erlösung, die der Erzähler andeutet, aber konsequent und systematisch zerschlägt. Man verfolgt im Rückwärtsgang  Stationen zunehmender Aussichtslosigkeit; Glück bleibt einem vom Autor versagt. Vidra scheitert tragisch und gewinnt dennoch die Freundschaft des Lesers. Weil er einem trotz oder gerade wegen aller Rückschritte ans Herz wächst.

István Kerékgyártó: Rückwärts. Aus dem Ungarischen von Éva Zádor. 180 Seiten. Nischen Verlag.

Über den Autor: www.kerekgyarto-istvan.hu

 

 

 

Kerékgyártó István kötete a VinziRast-ban

A Nischen Verlag kiadásában megjelent Kerékgyártó István Rükverc/ Rückwärts című kötete német nyelven, Éva Zádor fordításában. A könyvbemutatóra pénteken került sor a VinziRast-CortiHaus, hajléktalanoknak alapított központban, Bécsben a Währingerstraßen.

A bemutató során az irodalomkritikus, Wilhelm Droste analizálta a művet, valamint Stefan Bernhard olvasott fel részleteket a könyvből.

A könyvbemutatón a VinziRast-CortiHaus intézmény alapítója, Cecily Corti is köszöntötte a megjelenteket. Mesélt a „VinziRast-mittendrin” projektről, a hajléktalanokkal való közös munkáról.A Nischen Verlag nem véletlenül szerette volna a könyvbemutatót éppen ebben a központban tartani. Ezért is találták ezt a különleges helyet, ahol a hajléktalanok otthona van Bécsben. A könyv témája és a könybemutató helyszíne között erős a párhuzam, hiszen a Rükverc/Rückwärts című kötet pontosan a hajléktalanok helyzetét ábrázolja napjainkban. A Nischen Verlagnak fontos, hogy olyan kötetet adjanak ki, amelynek van irodalmi értéke. Emellett a jövőben is jó szerzők - jó könyveit szeretnék kiadni- mondta Lendvai Zsóka, a Nischen Verlag vezetője. Kerékgyártó István 1953-ban Kaposváron született. Tanulmányai során jogot és filozófiát végzett. Pályafutását a Pécsi Tudományegyetem Jogtudományi Karán kezdte, ahol tanársegéd majd adjunktus volt. Ezután a Somogy Megyei Tanácsnál főosztályvezető, majd három éven keresztül a privatizációs tanácsadó cégek munkatársa és ügyvezetője. Később befektetői konzorciumok tagjaként, közép- és nagyvállalatok társtulajdonosa volt. 1998–1999 között az Országos Rádió és Televízió Testület főigazgatója volt. 47 évesen kezdett el írással foglalkozni. A Rükverc című könyv a negyedik regénye, melyet a Katona József Színház 2012-ben -nagy sikerrel- mutatott be Budapesten. 

 

 


Krisztina Tóth: Pixel

Vernetzungen - Britta Jürgs

Virginia Oktober 2014.

Krisztina Tóth: Pixel. textkörper. Aus dem Ungarischen von György Buda. Nischen 2014. 174 S. 19,80 €

Zsófi a Bán: Als nur die Tiere lebten. Aus dem Ungarischen von Terézia Móra.

Suhrkamp 2014, 207 S., 22,95 €

 

"...... Die Erfahrung des Verlusts wird nicht nur in Ungarn, sondern auch in der neuen Heimat Brasilien erlebt, als die kleine Anna in Báns Titelerzählung Als nur die Tiere lebten am Strand von Rio de Janeiro von ihrer Mutter getrennt

wird. Was diese mit den Worten »Mein Gott, sogar hier noch, sogar hier noch?!«meint, als sie sich wiederfinden, versteht die erwachsene Anna erst nach dem Tod der Mutter. Da fotografi ert sie in der Antarktis das alles verschluckende

Weiß, das für sie den Moment im Krankenhaus wiedergibt, als Farben, Gerüche und Töne verschwanden.

»Ein Bild hat ein eigenes Gedächtnis« heißt es in Báns Erzählung Kurze Geschichte der Fotografi e. Immer wieder werden Fotos gemacht, betrachtet und nach dem Moment vor und nach der Aufnahme befragt, nach dem,

was sie nicht zeigen. Auch zwischen den 15 Erzählungen in Als nur die Tiere lebten gibt es Querverbindungen, die sich erst allmählich erschließen – wiederkehrende Namen, ein Vater mit Fotoapparat, eine Mutter mit

Schmetterlingsbrille. Einzelne Elemente werden miteinander vernetzt, überlappen sich, wie auch die Vergangenheit die Gegenwart durchdringt. »Denn worüber man nicht reden kann, darüber kann man schweigen, aber auch reden«, heißt es in Zsófi a Báns Abendschule. Der Spagat zwischen Reden und Schweigen, zwischen Gesagtem und Ungesagtem, das Sichtbarmachen des Verschwundenen gelingt beiden Autorinnen in ihren beunruhigenden Geschichten auf ihre jeweils eigene kunstvolle Art und Weise. ....." 

 

Krisztina Tóth: Pixel 
Wilhelm Droste 

Neue Zürcher Zeitung

12.März 2014 


" Ein mächtiger Fluss bewegter Bilder, ein anarchistischen Kino, mannigfaltig wie das Leben selbst, bewegt und bewegend zugleich...es ist schön, böse und unruhig, intelligent und leicht, kühl und heiss zugleich." 
 

Verstrickt in den Schicksalsfäden

Ein gnadenloser, sinnlicher Blick auf die Existenz: "Pixel", der

Novellenzyklus der ungarischen Autorin Krisztina Tóth, ist eine

Entdeckung.

 

Krisztina Tóth: Pixel 

Insa Wilke

Die Zeit-Online

19. Dezember 2o13.

 

 

"Mit ihrer Prosa war der brutale Engel des ewigen Durcheinanders herabgestiegen",

schrieb Peter Nadas in seinem Nachwort zum ersten Prosa-Buch der ungarischen Dichterin Krisztina Tóth. Mit seiner Hochachtung war er nicht allein: Strichcode

wurde 2006 mit dem renommierten Sándor-Márai-Preis ausgezeichnet.

Gegen den Novellen-Zyklus Pixel wirkt das Debüt aber geradezu schlaff. Das mag auch

an der lakonischen Übersetzung dieser Geschichten von Einsamkeit, Gewalt und Liebe

liegen, die im Herbst im Wiener Nischen Verlag erschienen ist und diesmal von György

Buda übernommen wurde.

Pixel ist eine Entdeckung. Die Verbindung von Konzeptkunst,

traditionellen Stoffen und einer so unzuverlässigen Erzählerin wirkt eigenwillig. War

Tóths Strukturprinzip in Strichcode die Linie, ist es nun der Körper.

Textkörper lautet der Untertitel und benennt damit auf mehrfache Weise das Erzählprinzip der 1967 in Budapest geborenen Autorin, die in ihrer Jugend Bildhauerei lernte, was offenkundig ihren Sinn für Strukturen, Perspektiven und Körperlichkeit formte.

Den dreißig Novellen des Bandes sind dreißig Körperteile zugeordnet. Sie gehören zu

unterschiedlichen Personen und liefern zwar in der Art eines Suchbildes den Fluchtpunkt

für die einzelnen Geschichten und außerdem ein übergeordnetes Organisationsprinzip,

stehen aber keineswegs konsequent im Zentrum der Novellen. So kommt man von der

Geschichte der Hand eines jüdischen Kindes über die  Geschichte der Scheide

einer jungen Frau, die Jahrzehnte nach dem (wahrscheinlichen) Tod des Kindes (vermutlich) von ihrem Liebhaber verlassen werden wird, zur  Geschichte der Nase

eines Nachtwächters. Und so wie unsere eigene Hand nichts von unserer Nase weiß und doch einen Zusammenhang mit ihr bildet, so merken auch Krisztina Tóths Figuren nicht, wenn sich ihre Schicksalsfäden beiläufig berühren oder gar kreuzen.

Wir Leser sind diejenigen, die Abstand nehmen können und für die sich die Pixel

zu einem Gesamtbild zusammensetzen. Die Lehrerin mit den weinroten Haaren, an denen man sie viel später einmal wiedererkennen wird, weiß in der Geschichte der Füße

hingegen nicht, dass die Krücke, die ihr im Laufe eines Tages dreimal begegnet, immer dieselbe ist und mit jedem neuen Besitzer eine andere Bestimmung erfährt, aber auch andere Geschichten an sich bindet.

Würden wir den Dingen mehr Aufmerksamkeit schenken, stünde es auch um uns Menschen besser, lautet einer der vielen Subtexte dieses Buches. Der Atem stockt dem Leser schon nach den ersten Sätzen, die eine gepolsterte Hand mit kurzen Fingern und abgekauten Nägeln beschreiben. Verbotenerweise malt sie mit einem Stück Schneiderkreide Kreise auf die Platte eines Wohnzimmertisches. Die Hand gehört dem sechsjährigen Dawid, der "die Kreise spiralig gewunden zeichnet" und sich vorstellt, "die Linien würden sich aufeinanderlegen und sich irgendwann einmal aus der Tischplatte erheben, wie eine Springfeder, wenn er nur unendlich lange seine Kreise zöge".

Die harmlose, rührende Szene währt nur kurz, so viel sei gesagt. Tóth skizziert hier

einen jener Zeitpunkte, an denen das "Schicksal, noch ein letztes Mal, mehrere mögliche

Geschichten angeboten hatte. Und die Wirklichkeit zeigte auf die allerschlimmste". Tóths

Erzählerin kommentiert kaltblütig: "Sei’s drum, wir wollen weiterkommen, entscheiden wir uns für diese hier. Immer ist es die schlimmste Geschichte, die zur Gegenwart wird, und das ist immer erst nachträglich zu sehen."

Pixel ist ein Buch der beabsichtigten Widersprüche: Die Ordnung der Struktur steht

im Gegensatz zur Unordnung der Erzählerin. Mehrmals gibt sie zu, nicht Herrin ihrer

Geschichten zu sein, die sich ständig verwandeln. Sprunghaft wechseln Personen, Orte

und Zeiten: "Die Erzählerin kann von ihrem Weg abgebracht werden, das Schicksal nie",

heißt es. Der gnadenlose Blick auf dieses Schicksal der Menschen im 20. Jahrhundert lässt

einen schaudern und entwickelt dann wieder eine Güte, die ebenso fassungslos macht. Zum Beispiel, wenn den Lesern ein Roma-Junge vorgestellt wird, der sich einen Glücksraum eingerichtet hat in einem alles andere als zärtlichen Leben.

So dreht und kombiniert Tóth ihren magischen Würfel und entwirft ein Weltenbild, in das

die Menschen wie in die Weiten von Breughels indifferenten Landschaften gestreut sind.

"Liebe vergeht nicht", heißt es an einer Stelle eher drohend als tröstlich. Tóths Figuren

wissen von dieser Liebe ebenso wenig wie von ihrer Einsamkeit.

 

An die Nieren und unter die Haut

Klaus Nüchtern

Falter,

2o14/14. 

 

„Es gibt da diese tollen Rätsel, bei denen man die Geschichte rekonstruiren muss, die hinter einem bizarren Vorfall steht und die etwa so gehen: “Ein Mann kommt in sein Zimmer, sieht die Sägespäne nicht und bringt sich um“. Es scheint, als habe Krisztina Tóth die Storys in ihrem Buch „Pixel“ nach einem ähnlichen Schema konstruiert: Finde eine Handlung, die den folgenden Dialog als plausibel erscheinen lässt: “Stell dir vor, ich habe gerade meine Zähne im Klo hinuntergespült. Aha, sagte darauf die Frau. Bring Brot mit.“

Die Auflösung sieht in diesem Falle so aus: Der Mann hat damit begonnen, die Hinterlassenschaft seiner soeben verstorbenen Mutter zu sortieren und dabei eine Blechschachtel gefunden in der diese offenbar seine Milchzähne aufbewahrt hat…

Die insgesamt 3o Geschichten des Buchen ergeben eine Art anatomischen Atlas von miteinander verbundenen Short Storys.

„Pixel“ ist ein böses, brutales, ja mitunter fast sadistisch anmutendes Buch…

 

Krisztina Tóths Geschichten ganz kühl erzählt und von einer kristallinen Härte sind, gehen sie dem Leser tatsächlich an die Nieren.“

 

„Vesébe lát és a bőr alá hatol”

Élet és Irodalom, LVIII. évfolyam, 34. szám, 2014. augusztus 22.

Válogatás Tóth Krisztina Pixel című kötetének német nyelvű recenzióiból

 

Tóth Krisztina: Pixel. Fordította Buda György. Nischen Verlag, Bécs, 2013.

174 oldal, 19,80 euró

 

 

A német olvasó a Vonalkód című elbeszéléskötetből ismerheti Tóth Krisztinát.  Most pedig megjelent második, (osztrák) németre lefordított kötete, a Pixel, amely 30 rövid eseménysort ábrázol. Helyenként a lehető legrövidebb történetek ezek, amelyek kiindulópontját és vezérfonalát, ahogyan azt a „szövegtest” alcím is sugallja, különböző testrészek alkotják. […] A szerzőnek történetről történetre sikerül alig pár oldalban feszültséget teremtenie. Az olvasó úgy találgat, mint egy krimiben, mert apró támpontok arra utalnak, hogy vannak összefüggések. […] Tóth Krisztina az elbeszélőművészet mestere. Sok fejezet önmagában tökéletes, művészi short story. Megfigyelései precízek és sallangmentesek, a banalitásokból néhány sorban lebilincselő kaland válik, amelynek kimenetele csak látszólag megjósolható, mert a szerző ügyesen és szívesen játszik olvasói elvárásai­val. A Pixel a valóságról és annak szereplőiről mesél, holokauszttúlélőkről és utódaikról, cigányokról, tanárnőkről,

homoszexuálisokról, buszsofőrökről, orvosnőkről, biztonsági őrökről – szóval teljesen hétköznapi emberekről. Ezek az emberek megérzéseiket és ösztöneiket követik, de egyiküket sem üldözi a szerencse. Az elbeszélő maga mondja: „A sors többféle lehetőséget kínált fel, és a valóság a legrosszabbra bökött rá.” Marad a remény, hogy Tóth Krisztina továbbra is ilyen csodálatos történeteket ír a legrosszabbról.

 

(Frank Riedel: Rövidtörténetek a legrosszabb igazságról. Tóth Krisztina sorsszerű szerelmek anatómiáját beszéli el a Pixelben. HuBook.de, 2013.október)

 

*

 

A Pixel novellaciklusával szemben a [sokat dicsért] debütáló prózakötet (Vonalkód) már-már erőtlennek tűnik. Lehet, hogy ez a magányról, erőszakról és szerelemről szóló, a bécsi Nischen Verlagnál megjelent Pixel lakonikus fordításának is köszönhető, amelyet ezúttal Buda György jegyez. A Pixel igazi felfedezés. A konceptművészet, a hagyományos témák és egy ennyire megbízhatatlan elbeszélő együttese különleges hatást hoz létre. Míg a

Vonalkód szerkezeti elve a vonal volt, addig itt ez a test. […] [A testrészek] különböző személyekhez tartoznak, és bár egy rejtvényképhez hasonlatosan az egyes történetek enyészpontjait és ezen túl az átfogó szervezési elvet is szolgáltatják, mégsem állnak következetesen a novellák középpontjában.

 

Így jutunk egy zsidó gyerek kezének történetétől egy fiatal nő hüvelyének

történetén keresztül, akit – évtizedekkel gyermekének (valószínű) halála

után – (feltehetőleg) elhagy a szeretője, egy éjjeliőr orrának történetéig. És mint ahogy saját kezünk sem tud semmit saját orrunkról, mégis összefügg vele, úgy Tóth Krisztina figurái sem veszik észre, ha sorsuk szálai átmenetileg érintkeznek vagy éppen keresztezik egymást. […] Ha több figyelmet szentelnénk a dolgoknak, akkor jobban menne a sorunk is, nekünk, em­be­reknek, mondja a szöveg sok szubtextusa közül az egyik. […] A Pixel a

szándékolt ellentmondások könyve: a struktúra rendje ellentétben áll az elbeszélő rendetlenségével. Ő többször is bevallja, hogy nem ura állandóan változásban lévő történeteinek. Ugrál személyek, helyszínek és idősíkok között: „az elbeszélőt még csak-csak el lehet téríteni, a sorsot soha.” Ez a XX. századi emberek sorsára vetett könyörtelen pillantás borzongató, ugyanakkor annyi jóságot is tud árasztani, hogy attól megint csak

elképedünk. […] Így forgatja és kombinálja Tóth a maga Rubik-kockáját, és olyan világképet rak ki, amelybe az emberek úgy vannak belevetve, mint Breughel indifferens tájainak tágasságába. „A szerelem tudniillik nem múlik el”, olvassuk egy helyütt az inkább fenyegető, mint vigasztaló mondatot. Tóth figurái éppúgy nem tudnak erről a szerelemről, mint magányosságukról. Saját át nem látott egzisztenciájuk pixeleibe zárva tengetik életüket. És

szerzőjük türelmesen ír róluk, ír egészen addig, amíg az egyes testek ki nem emelkednek a síkból, és el nem érnek bennünket.

 

(Insa Wilke: A sors fonalaiba gabalyodva. Die Zeit, 2013. december 13.)

 

*

 

Amit Tóth Krisztina novelláknak nevez, azok elbeszélt képek, miniatúrák hétköznapi, ritkán rendkívüli, de az egyes esetekben mindig különleges élethelyzetekről. Mintha egy fotóalbum lenne, úgy vannak beleírva az emlékezet elbeszélt archívumába a szituatív pillanatképek. Szerelemről és szerelmi árulásról, gyermek utáni vágyról és gyermektelenségről, lakásviszonyokról és munkahelyi problémákról, betegségről és halálról, de emberölésről és gyilkosságról is szólnak. A különböző miliőből származó, egymás útjait többé vagy kevésbé keresztező figurák hétköznapi küzdelmeinek és életkatasztrófáinak összes lehetséges konstellációját végigzongorázzák. […] Az elbeszélő, aki gyakran – és helyenként egy kicsit eltúlzottan – pimaszul játszik mindenhatóságával, bemutatja a következő történetek hőseit,

fellépteti egyiket a másik után, és lehetséges kontextusokat rendel hozzájuk, amelyeket rögtön romba is dönt. Csak fokozatosan tudjuk a figurákat az egyes sorsokhoz kötni, lassan bontakoznak ki a kapcsolatok vagy a véletlen érintkezési pontok. […] Az már szinte ráadás, hogy lassanként a „kapcsolati szálak” formát kapnak és összetömörülnek – a kinagyított

„lehetőségek”, amelyeket a sors a kereszteződési pontokon „felkínál”, elvileg önmagukban is működnek, és ráadásul még meglepő mozzanatokat is tartogatnak.

 

(Evelyne Polt-Heinzl: A hétköznapok elbeszélt miniatúrái. Die Furche, 2014.február 13.)

 

*

 

Tóth Krisztina különös elbeszélő: kézen fogja az olvasót, egy darabig vezeti, elmesél neki egy történetet, de amilyen együttérzéssel és gyöngédséggel kezdte, olyan hirtelenséggel vált hangulatot és viszonyulást, megszakítja az elbeszélést, megváltoztatja az irányát – és az olvasó megriad. Mert ez a szerző nyilvánvalóan maga sem tudja mindig, hogyan

tovább. Egy darabig követi szereplőit útjaikon, és a szívükbe lát, aztán hátralép, mintha a novelláit benépesítő embereket távolról, távcsővel szemlélné, és mintha ő maga is meg lenne lepődve csapongásaikon és életük fordulatain. […] Vajon epizódregény-e ez a megható könyv, mivel az olvasó itt és ott ugyanazokkal a személyekkel találkozik? Vagy épp csak metszet az életből, amelyben egyszerűen így folynak a dolgok: az ember lát más

embereket, felismeri őket, elveszíti őket? […] Pixel a címe a magyar írónő grandiózus, vékony kötetének. […] Az elbeszélő végigragozza a testet, en passant ráközelít egyes részeire, mintha össze kellene húznia a szemét, […] hogy megbizonyosodjon róla: akik a nagyítóüvege alatt fekszenek, emberek, és nem rovarok. […] Ilyen elbeszélő Tóth Krisztina, akinek a szövegeit Buda György kongeniálisan fordítja. Brutális az egyszerűségében, szűkszavú a pontosságában, lakonikus az ábrázolásmódjában. Aztán megint hihetetlenül

vicces. Egy nő ül a metrón, megfigyel egy másikat. Emez nyilvánvalóan vak. Egy balesetben veszítette el a látását. Vagy mégis inkább szembetegségben? Nem, gyógyíthatatlan agydaganattól. De miért visel órát? […] Minden másképp van, minden hamis. Minden képzelgés. Na és? Az emberek ezt csinálják: történeteket fantáziálnak össze más emberekről. De nem írják le őket. Tóth Krisztina megteszi ezt, kvázi mások helyett. Kis magányról és hosszú, szívós szerelemről, banális rosszról és nagy unalomról. Az életről és annak buta véletlenei­ről. És mivel mindez általában kevésbé szép, mint a romantikus regényekben, több változatot is felajánl. Vigasztalót és vigasztalant. Nem

mintha cinikus lenne a szerző, csak elviselhetetlenül realista.

 

(Cathrin Kalweit: Minden másképp van, minden hamis. Kéz, láb, fej: Tóth

Krisztina grandiózus elbeszélőkötete, a Pixel. Süd­deutsche Zeitung, 2014.

február 27.)

 

*

 

Az 1967-es születésű magyar írónő, Tóth Krisztina nevét feltétlenül meg kell jegyeznünk. […] [Történetei] hidegfejű konstrukció eredményének látszanak, mintha egy szerkezeti egész kis, egymásba kapcsolódó részecskéi volnának, pixelek, ahogy már a cím is állítja, amelyekből aztán egy zárt képnek kellene összeállnia, vélhetnénk. De ez a békesség csalóka, az építkezési elv félrevezet, mert az eredmény inkább egy élőlényre hasonlít: nem zárul be és nem nyugszik meg, inkább minden lehetséges irányban széttart, vibrál és tombol, minden keretet szétfeszít, és részei kiszámíthatatlan saját életet élnek. A számtalan sok pixelből nem egy megfogható kép áll össze, hanem sokkal inkább mozgó képek hatalmas folyama, anarchista mozi, amely olyan sokrétű, mint maga az élet, mozgó és megindító egyszerre.

 

Az olvasót megdolgoztatja ez a könyv. Be kell fogadnia magába ezt a sok filmet, és önállóan tovább kell forgatnia őket, különben az élvezet – a szórakoztató rövidtörténetek konvencionális keretei között – elmarad. A történetek önmagukban is mind életképesek, de csak a kombinációjuk, egymásra gyakorolt hatásuk révén jön létre ez a mellékágaiból táplálkozó szép folyam, csak ekkor bontakoznak ki ennek a csalafinta prózaszövegnek az energiái. […] A jól és nagy nyelvi erővel fordító Buda György ezt a könyvet – saját fordítói filozófiájához híven – osztrákra fordította. A könyvnek azt kívánjuk, hogy még sok más nyelvre ültessék át, mert szép, gonosz és nyugtalan, intelligens és könnyed, hűvös és forró egyszerre, mindenekelőtt azonban folyékony.

 

(Wilhelm Droste: A nyelv mozijában. Neue Zürcher Zeitung. 2014. március 12.)

 

*

Vannak ezek a remek rejtvények, amelyekben a bizarr eset mögött rejlő történetet kell rekonstruálni, és körülbelül így hangzanak: „Egy férfi bemegy a szobájába, nem veszi észre a fűrészport, és megöli magát.” Úgy tűnik, mintha Tóth Krisztina a Pixel sztorijait hasonló séma alapján alkotta volna meg: találj olyan cselekményt, amely a következő dialógust értelmessé teszi: „Képzeld, éppen most húztam le a fogaimat a vécén. – Aha – felelte

erre a feleség. – Hozzál kenyeret.” […] A történetet az olvasók a több fejezetre szétszórt darabkákból kénytelenek összerakni. Hasonlóan ahhoz a gigantikus képhez, amelyen a könyv végén dolgozik a művész, és amely csak távolról szemlélve tárja fel témáját. […] A harminc történet együtt egyfajta anatómiai atlaszt ad ki egymással összefüggő short storyk formájában. A Pixel hasonlóan működik, mint Daniel Kehlmann Hírnév vagy Yasmina Reza

Heureux les heureux című regénye, azzal a különbséggel, hogy […] Tóth a lét szakadékos voltát, amelyet a két másik mű főleg megállapít, valóban átérezhetővé is teszi. A Pixel kíméletlen, brutális, helyenként majdhogynem szadistának ható könyv.

 

(Klaus Nüchtern: Vesébe lát és a bőr alá hatol. Falter 2014. április 2.)

 

*

 

A rövidtörténeteknél már csak a versek és a fotóesszék kevésbé kelendőek. És ha ezek a történetek ráadásul a német nyelvterületen messzemenőkig ismeretlen magyar írónőtől származnak, és egy kis bécsi, beszédes nevű kiadónál [a Nischen Verlag magyar megfelelője a Réteg Kiadó lehetne – a ford. megj.] jelennek meg, akkor nem túlzás azt jósolni, hogy a könyv „ólomként hever majd a könyvesboltok polcain”. Annál meglepőbb, hogy Tóth Krisztina Pixelje májusban az ORF toplistáját vezette, és hogy csak az utána

következő helyeken állt majd minden pillanatnyilag divatos név […]: a Bachmann-díjas Katja Petrowskaja […], a Lipcsei Könyvvásár Díját elnyerő Saša Stanišić […] és a Pulitzer-díjas Donna Tartt […]. Tóth Krisztina már a […] Vonalkódban is az egymással összekapcsolódó, de egyenként is olvasható történetek elbeszélői elvét követte. A Pixelben ezt még jobban kiépítette, mondhatni megszigorította. Ez az […] anatómiai atlasz éppen attól megnyerő, hogy a világos koncepció nem megy az egyes történetek rovására. Még ha vissza is térnek bizonyos minták és vezérmotívumok, semmi sem erőltetett, eltúlzott vagy kedvetlenül végighajtott. […] Az anyag borús volta ellenére Tóth sztorijaiban megmutatkozik egyfajta – gyakran igencsak gyilkos – humor, amely egyúttal annak az előfeltételét is megteremti, hogy az elbeszélő és az olvasó azonos szemmagasságban legyen – méghozzá szó szerint. Merthogy a látásnak itt különleges szerepe van. Lehetne-e máshogyan olyan könyv

esetében, amely az életlenséggel való játékot már a címében is viseli?

 

A szem története […] volt az első, amelyet Tóth megírt a Pixelből. Ez tartalmazza dióhéjban a könyv programját, és ez az egyetlen, amely egyes szám első személyben íródott. „Így csalatkozhatunk”, szól implicit üzenete. Mert az összkép, amely a különböző perspektívák összekapcsolásából adódik, minden, csak nem magától értetődő. Kognitív teljesítmény eredménye, és persze művészi akaraté – fikció. Mint ahogy fikció a mindentudó elbeszélő

is, aki a szálakat minden pillanatban kézben tartja, és mindent szuverén módon átlát. […] A könyv egy kicsit olyan, mint Antonioni Nagyítása, annak divatos fundamentális episztemológiai kételye nélkül. […] A történetmesélés – mondhatjuk nyugodtan ilyen pátosszal és a hozzá illő maradisággal – a jobb megismerést és az empátia kialakulását szolgálja. Miközben az egyiknek közvetlen köze van a másikhoz: éppen azért, mert Tóth minden szentimentalitás nélkül és egy orvos tisztánlátásával mesél, történetei szó szerint a bőrünk alá hatolnak, és ahogy bepillantást nyerünk a figurák végzetébe, felébred együttérzésünk.

 

(Klaus Nüchtern: Inkább él kényelmetlenül. Die Welt, 2014. június 7.)

 

Válogatta és fordította Kovács Edit

 

 

 


 

Lajos Parti Nagy: Der wogende Balaton

Wolfgang Weisgram

Der Standard

16. Februar 2o13

 

„Die Geschichte dreht sich also nicht ums Strandleben in Siófok, sondern in weiterer Erzählfolge eher ums Fressen, ums Wettfressen. Parti Nagy ist nicht der erste Autor, dem so eine Geschichte in die Finger gekommen ist. Aber kaum ein anderer war so appetitanregend. `Die machten damals in Kopffleisch, in Blutsterz, in Industriespeck, aber nie ausgesprochen in Schmalz…Da war ein Mädchen namens Ibolya, ich wollte ihr imponieren, zeigen, dass ich auch etwas kann, ´die Welt besteht nicht nur aus Solfege und Seilklettern.´ Sondern zum Beispiel auch aus Manner-Schnitten, Veroneser Pferdesalami, gelierter Sulz oder Bohnengulasch mit Debreziner, die man damals beim Weltjugendtreffen in Havanna servierte, ´der Fidel Castro hat ihnen applaudiert, dass er fast von der Bühne gefallen ist´.

Die Zeichnung grotesker Figuren in noch groteskeren Um- und zuständen gelingt Lajos Parti Nagy mit bewundernswert leichthändiger Lakonie, die auch vor den ungeheuerlichen Dingen nicht haltmacht.“

 

Lajos Parti Nagy: Der wogende Balaton 

Salzburger Nachrichten

Anton Thuswaldner

2. März 2o13

„Ungarn, ein seltsames Land. Politisch gegenwärtig von fragwürdigem Zustand, weist es eine ungeheure Dichte an Schriftstellern auf, die erstklassige Ware feilbieten. Lajos Parti Nagy ist einer von jenen, dessen Kurzgeschichten der wunderbare kleine Nischen Verlag in seinem Angebot führt und die uns sonst gewiss entgangen wären. Das Ungarn, von dem uns dieser 1953 geborene Autor erzählt, ist eines in dem die einfachsten Dinge nicht klappen, das Unberechenbare stattfindet und sich die Menschen in einem ständigen Übergang eingerichtet haben.“

 

Lajos Parti Nagy: Der wogende Balaton 

Neue Zürcher Zeitung

Wilhelm Droste

31. Jänner 2o13

„Eine Novellensammlung aus ganz wundersamer Sprache, mit der deutsche Leser ihre Schwierigkeiten haben werden, denn sie sind von György Buda mit einem geradezu hörbaren Vergnügen in ein saftig-vitales Österreichisch übertragen, kunstvoll und legitim, denn auch das Ungarische ist ein gekonntes Artefakt aus Gassensprache und hochgeschraubter Literatur. Parti Nagy erlebt und hört die Welt als eine sprachliche Orgie und leiht ihr diesen Tonfall.

Der Autor vereinigt in sich Figuren, die normalerweise in weiter Ferne voneinander stehen und nie zusammenfinden: Er ist von Haus aus Lyriker und spielverliebt, und seine Sprache scheint im Elfenbeinturm jedem Welteinfluss weit und sorgfältig entzogen, zugleich aber ist gerade er derjenige der den politischen Sittenverfall des heutigen Ungarn streng und rigoros verachtet und bannt, er schaut den Populisten wie auch dem Volk aufs Maul.“

 

 


György Spiró: Der Verruf

Jankó Ferk

Die Furche

8. November 2o12

 

„Spiró schildert die Zerstörung von Existenzen, die Wechselfälle von blinder Unbarmherzigkeit und die alles beherrschende Atmospäre von Argwohn und Verdacht in einer Diktatur, die den Vorläufer des sogenannten Gulaschkommunismus in den Jahren von 1962 bis 1989 darstellt...

...Wie in George Orwells „1984” liebt der Maschinenbauingenieur zuletzt auch in diesem Buch den „Großen Bruder” und marschiert am 1. Mai 1957 schon brav an der Tribüne der Staats- und Parteiführung auf dem Budapester Heldenplatz vorbei...

Die historischen Vorgänge werden geradezu akribisch nachgezeichnet, das Kolorit des Revolutionsjahres wird durch die Details verdichtet. Besonders interessant ist die Darstellung der Mächte, die auf die Menschen einwirken, und des unbändigen Herrschaftsanspruchs.”

György Spiró: Der Verruf 

Barbara Tóth

Falter

2013/13.

 

„Nachrichten aus Ungarn sind oft verstörend. Für viele bleiben das Nachbarland und dessen Premier Viktor Orbán ein Rätsel. Nicht einfacher macht es die Tatsache, dass das Ungarische eine Nischensprache ist.

Der im Nischenverlag von Zsoka und Paul Lendvai erschienene Roman „Der Verruf” leistet doppelte Abhilfe....

Der Roman ist gleichzeitig auch ein Tatsachenbericht und jedenfalls eine gute Grundlage, um das Ungarn von heute besser zu verstehen.”

 

György Spiró: Der Verruf 

Wolfgang Weisgram

Der Standard

16. Februar 2o13

 

„Nischen Verlag hat einen wunderbaren Roman präsentiert, der sich ein wenig pragerisch liest, wennman sich Franz Kafka etwas hasekoider vorstellen könnte, als er ohnehin schon ist. Spiró, einer der großen Erzähler des Ungarlandes und tatsächlich auch ein Slawist, lässt in Der Verruf seinen Protagonisten Unglück haben im Glück, und dass das Ganze dann doch noch gut ausgeht, ist weniger ein Happy End als eine Art Auslaufen. „Morgen aber hat er erst noch eine Menge zu tun. Gut, dann eben nicht morgen. Es kann ja auch übermorgen sein.”

 


 

György Spiró: Träume und Spuren

Erwin Riess

Die Presse

2o.Dezember 2o13.

 

 

Die bronzenen Schuhe

Mit Sinn für Skurriles: György Spirós ungarische Novellen über

die Zeit von 1945 bis heute.

Die Novelle ist eine schwierige literarische Gattung. Man muss auf wenigen Seiten eine ganze Welt darstellen, komplizierte menschliche Beziehungen knapp und präzise beschreiben, nachhaltig auf die Gefühle des Lesers einwirken, und das Ganze soll einfach, aber doch bildhaft und einfallsreich komponiert sein“, schreibt der 1946 in Budapest geborene Autor György Spiró, der zu den wichtigsten zeitgenössischen Schriftstellern Ungarns zählt. In 18 Texten tritt er den überzeugenden Beweis an, dass er sich auf die Kunst der Novelle versteht.

Die längste, „Mit Vater beim Fußball“, umfasst 21 Seiten und die kürzeste, „Für dich geträumt“, nicht einmal zwei. Beide handeln vom Sterben des

Vaters und sind die stärksten Texte des Buches. In der ersten Geschichte besucht der Sohn mit dem krebskranken Vater ein Länderspiel im Népstadion der 1970er-Jahre. Der Vater, schon viel zu schwach, um die Strapazen der Anreise und des Platzaufsuchens mannhaft zu ertragen, will seinen Sohn nicht enttäuschen. Und der Sohn denkt immerzu darüber nach, dass er seinen

Vater nie wieder die Stufen des Stadions hinaufsteigen sehen wird.

Der vorliegende Novellenband ist der zweite, vom verdienstvollen Nischen Verlag in Wien verlegte Text von Spiró. „Der Verruf“, ein Roman über die 56er-Ereignisse aus der Sicht eines Ingenieurs, der, obwohl selber

Anhänger des Sozialismus, in den Strudel der frühen Säuberungen

gezogen wird, wurde von Kritik und Publikum mit großer Zustimmung aufgenommen. Spirós präzise Sprache, sein Sinn fürskurrile Momente auch in schwärzesten Situationen und vor allem seine Lakonie zeichnen auch den vorliegenden Novellenband aus.

Die einzelnen Texte spannen einen chronologischen Bogen über die Kádár-Jahre 1956 bis 1988, beschreiben aber auch die Reiseerfahrungen devisenschwacher Ungarn in Jerusalem, Deutschland und Triest. Ein Großteil der Novellen spielt in Budapest oder in Ferienheimen an der Donau. In ihrer Summe ergeben sie ein beeindruckendes Bild einer Generation, die vom Zweiten Weltkrieg bis zum Ende des Sozialismus von immer neuen Wendungen der Geschichte überrascht wurde und beharrlich versucht, die Würde der kleinen Leben zu verteidigen.

Spiró verschließt die Augen nicht vor der neuesten Geschichtsvolte, die Ungarn erfasst hat. Von beklemmender Aktualität sind zwei Novellen, die im gegenwärtigen Budapest spielen. In der ersten wird der

Autor in der U-Bahn von einem vierschrötigen Kerl mit antisemitischen

Schmähungen überhäuft. Im Budapest des Jahres 2013 kennt man György Spiró eben nicht nur als Autor, sondern auch als Juden.

Die zweite Novelle spielt ebenfalls in einer Straßenbahn. Der Ich-Erzähler sitzt in einem Wagen, der vom Parlament am Donauufer Richtung Kettenbrücke fährt. Ein gut gekleidetes, hübsches

Mädchen sagt zu ihrem Sitznachbarn: „Jetzt kommt gleich das, worüber der Lehrer gesagt hat, was man am besten mit ihnen machen sollte.“ Der Ich-Erzähler weiß, was gemeint ist. „Und schon tauchen – die bronzenen Schuhe auf, die in einer langen Reihe nebeneinanderstehen. Von hier wurden vor 64 Jahren Juden in die Donau geschossen.“

Auch das Mädchen sieht jetzt das Denkmal, sieht die Schuhe. Der Ich-Erzähler beobachtet das Mädchen und erstarrt. „Sie nickt und aus ihren braunen Augen spricht ungeheuerlicher Hass.“

 

György Spiró: Träume und Spuren

Andreas Platthaus

Frankfurter Allgemeine Zeitung

2o. Jänner 2o14

 

Der Junge mit dem Stück von Stalins Ohr

 

„Die Geschichtenauswähl ´Träume und Spuren´, die Spiró persönlich aus seinem umfangreichen Erzählungswerk für die deutsche Publikation im auf ungarische Literatur spezialisierten Nischen Verlag vorgenommen hat, viel mehr als nur ein Kompendium sehr prägnanter Prosa. Sie ist auch eine aus diesen Bruchstücken rekonstruierbare ungarische Nachkriegsgeschichte, die sich im Erzählungskranz fast wie ein Roman liest…Spiró gelingt so gut, die Perspektive des Kindes, das er damals war, bei der Betrachtung einzunehmen, ohne es dabei an erzählerischer Virtuosität oder auch Reflexion fehlen zu lassen, das ist alles andere als selbstverständlich…

…Eine große Kunst.“

Spiró schreibt sachlich präzise, und Ernö Zeltner, der Stammübersetzer des Nischen Verlags, hat diese Sprache sehr gut ins Deutsche gebracht.

 


 

Ágnes Zsolt: Das rote Fahhrad

Cornelius Hell

Die Presse

04. Jänner 2014

 

 

Das Tagebuch als Freundin

Bedrückend: Éva Heymans Zwiegespräch mit ihrem Diarium als Überlebensstrategie im Nazi-besetzten Ungarn.

Ich will nicht sterben! Nicht jetzt schon, liebes Tagebuch! Ich habe ja überhaupt noch nicht lange gelebt.“ Diesen Aufschrei hat die in Nagyvárad, der heute rumänischen Stadt Oradea, lebende Éva Heyman am 26. März 1944 in ihrem Tagebuch getan. Zu diesem Zeitpunkt war Ungarn bereits von Nazi-Deutschland besetzt und wurde von den nationalsozialistischen Pfeilkreuzlern regiert. Éva hatte erlebt, wie ihre Freundin Márta, von der Kinderjause weg, in einem Viehtransport abgeholt wurde; sie musste, wie alle Juden, im Ghetto leben.

Ein frühreifes 13-jähriges Mädchen, das sein Tagebuch als intimste Freundin anspricht und an ihm schreibt, bis es von den Nazis deportiert und ermordet wird – kein Wunder, dass man Éva Heyman als ungarische Anne Frank bezeichnet hat. Doch die Unterschiede fallen ebenso ins Auge: Während Anne Frank ihr Tagebuch mehr als zwei Jahre lang führen konnte, von denen sie die meiste Zeit in einem Versteck verbrachte, hatte Éva Heyman nur dreieinhalb Monate Zeit, von denen sie einen Monat im Ghetto interniert war.

Weil sie in so kurzer Zeit erleben musste, wie die Versuche, trotz der ungarischen Judengesetze ein „normales“ Leben zu führen, brutal beendet werden, ist das Tagebuch ein ganz einmaliges Dokument: Das Wachsen des politischen Bewusstseins, alle intellektuellen Differenzierungen und sozialen Beobachtungen – Évas gesamte Weltwahrnehmung wird dominiert vom Schicksal der Juden, das sie hautnah erleben muss. Die Auseinandersetzung mit dem, was ihr und ihrer Umgebung widerfährt, wird zum Motor eines beschleunigten Erwachsenwerdens, das nur noch gelegentliche Einsprengsel der kindlichen Fantasie zulässt. Die Präzision der Wahrnehmungen wird gerade dort deutlich, wo die 13-Jährige sie den Erwachsenen verschweigt, um diese zu schonen.

Befremdlich ist, dass das Buch nicht unter Évas Namen erschienen ist, sondern unter dem ihrer Mutter Ágnes Zsolt, einer bedeutenden Journalistin und Frau des Publizisten Béla Zsolt, dessen Holocaust-Roman „Neun Koffer“ 1999 auf Deutsch erschienen ist. Ein instruktives Nachwort erläutert, dass es wohl immer ein Rätsel bleiben wird, wie weit die Mutter bei der Herausgabe des Textes eingegriffen beziehungsweise ob sie nicht ganze Passagen in Stil und Diktion der Tochter formuliert hat. 1951, vier Jahre nach Erscheinen des Buches, hat sich Ágnes Zsolt das Leben genommen. Das Buch konnte in Ungarn erst wieder 2011 erscheinen. Danach gab es eine hebräische und eine englische Ausgabe.

Besondere Bedeutung haben die beiden angefügten Briefe der Köchin Mariska, die der Mutter das Tagebuch Évas übergeben haben soll, und von Ágnes Zsolts Kindermädchen Juszti, einer Österreicherin, der sie auch die Tochter anvertraut hat. In deren Reflexionen über die Mitschuld daran, dass Éva nicht gerettet werden konnte, wird viel von den Verhaltensmustern deutlich, die das „Funktionieren“ des Nationalsozialismus möglich gemacht haben.

Zentrum des Buches aber ist zweifellos das Tagebuch der am 17. Oktober 1944 auf Betreiben von Josef Mengele ermordeten Éva. Auch wenn ihre Stimme nicht mehr im Originalton erhalten ist, atmen die Mikroszenen aus der Perspektive einer Pubertierenden eine Authentizität, die nicht glauben lässt, dass die Mutter ihre Schuldgefühle angesichts des Todes der Tochter durch einen Fake überwinden wollte. Vor allem die kritische Sicht der Mutter wird wohl kaum von der Mutter selbst stammen.

Dem von Zsóka Lendvai neu gegründeten Nischen Verlag, der sich ganz auf ungarische Literatur spezialisiert und mit diesem Tagebuch sowie den Werken der renommierten Schriftsteller György Spiró und Lajos Parti Nagy sein erstes Programm vorgelegt hat, ist es zu verdanken, dass dieses außerordentliche literarische Zeugnis endlich auf Deutsch vorliegt. Es zeigt, dass wir vom Nationalsozialismus noch immer nicht alles wissen. Und erst recht nicht vom Nationalsozialismus in Ungarn, der immer wieder auf beängstigende Weise öffentlich zutage tritt.

 

 

Ágnes Zsolt: Das rote Fahhrad

Elisabeth von Thadden 

Süddeutsche Zeitung

Oktober 2012

 

„Jetzt, endlich ist das Tagebuch unter dem Titel Das rote Fahrrad auf Deutsch erschienen. In einem kleinen, feinen Nischen Verlag, der genau so auch heißt….

Das Tagebuch ist ein Kleinod, weil es in kindlichem Duktus, aber mit scharfsinnigen und humorvollen Details zeigt, wie die Angst zunehmend den Alltag, den Familienkleinkrieg, die Sehnsucht nach der Mutter, die latente Eifersucht auf den Stiefvater, die erste Liebe überlagert.“

 

Ágnes Zsolt: Das rote Fahhrad

Margaretha Kopeinig 

Kurier

5. September 2012

 

„Das Buch geht unter die Haut, ist eine Warnung vor Faschismus und sollte unbedingt als Lektüre im Unterricht verwendet werden.“

 

 

Ágnes Zsolt: Das rote Fahhrad

Gregor Auenhammer

Der Standard

1.    September 2012

Erschütternde Chronologie des Holocaust

Berührend, erschreckend, deprimierend und luzide. Unbedeutsam ist in Wahrheit der Verlust persönlicher Dinge im Gegensatz zum Verlust von Individualität, Würde, Selbstachtung. Als Vermächtnis bleibt ein berührend-beklemmendes, authentisches historisches Dokument. Wehret einer Wiederholung! Wider das Vergessen!“

Ágnes Zsolt: Das rote Fahhrad 

Peter Stiegnitz 

Tribüne

4/2012

 

Die ungarische Anne Frank

„Ein Buch zum Weinen, eine Pflichtlektüre für alle, die aus der unbewältigbaren Vergangenheit lernen wollen und solche Menschen, die dafür einstehen, dass man die Nazi-Zeit – ohne kollektive Schuldzuweisungen – nicht vergessen darf.“

 

 


 

Julia Lángh: Ein Mädchen zwischen zwei Welten

Fachbuchkritik

Deutschland

2o14.

 

 

Júlia Lángh erzählt in ihrem autobiografischen Roman mit Humor und Selbstironie, anschaulich und lebendig über ihre Kindheit und Jugend, aus einer Familie der christlich-konservativen Mittelklasse, aus "gutem Haus" vor und nach der Machtergreifung durch die Kommunisten im russischen besetzten Ungarn. In dieser Nachkriegszeit voller Widersprüche steckt das gegen die Traditionen rebellierende Mädchen voller Fragen, auf die sie jedoch weder zu Hause auf dem feinen Rosenhügel noch in der turbulenten Welt draußen ehrliche Antworten findet. Spannende und zugleich intime, manchmal beängstigende Erlebnisse in der damaligen Wendezeit. Kommentar der Redaktion: Schöne authentische Geschichte über die Nachkriegszeit in Ungarn. 

 

 


 

Iván Sándor: Husar in der Hölle - 1914

Salzburger Bauer

2015/4

 

Ivan Sändor hat einen einzigartig spannenden Roman über die

Höllenfahrt eines als Husar kämpfenden jungen Ungarn an allen Frontendes Ersten Weltkrieges geschrieben: Auf einer Bildungsreise nach Paris wird der fesche Maturant Ädäm Kiss als französischer Soldat rekrutiert. Aus deutscher Gefangenschaft gelangt er durch einen verzweifelten Akt in die Österreichisch-Ungarische Armee. Unglaubliche Grausamkeit wird bei den Sturmangriffen an der russischen und dann an der italienischen Front zum Alltagserlebnis.

 

 

Iván Sándor: Husar in der Hölle - 1914

Zsuzsanna Gahse
Krieg ohne Grenzen

23.10.2014.
Neue Zürcher Zeitung

"...In seinem letzten, erfolgreichen Roman «Spurensuche» hatte der 1930 geborene Schriftsteller Iván Sándor den Zweiten Weltkrieg aus ungarisch-jüdischer Sicht beschrieben. Nun malt er die Gesichtslosigkeit des Ersten Weltkrieges aus und zeigt die Verwandtschaft dieses Krieges mit dem zweiten Desaster. Die Zusammenhänge zwischen den beiden unheilvollen Zeiten sind dem Autor nicht nur in seinem jüngsten Roman ein Anliegen. In einigen Interviews in Ungarn hob er wiederholt hervor, dass man die zwei Kriege zusammenhängend aufarbeiten müsse.

 

In seinem Husaren-Roman lässt Sándor den jungen Adam von Paris aus weit in den Osten Europas ziehen, bald darauf hinab nach Italien. Von einer kleinen Drehbühne kann also keinesfalls die Rede sein. Zu sehen ist ein grenzenloses Kriegsgemälde. Wie auf einer Drehbühne nehmen sich aber einige Bezugspersonen Adams aus, denen er irgendwo in Europa unerwartet und unter wundersamen Umständen begegnet. Und merkwürdigerweise sind diese Protagonisten ebenfalls gesichtslos, wie zum Beispiel der erwähnte Klassenkamerad. Ein Leitmotiv – im Hintergrund spürbar – ist die Einsamkeit Adams. Ständig muss er sich verstecken, nirgendwo gehört er dazu und macht trotzdem unablässig mit."

 

 

Iván Sándor: Husar in der Hölle - 1914

Buchkultur, Deutschland

2o14/6.

 

Der herausragende ungarische Schriftsteller Iván Sándor hat einen einzigartigen spannenden Roman über die Höllenfahrt eines als Husar kämpfenden jungen Ungarn an allen Fronten des Ersten Weltkrieges geschrieben. Die unglaublichen Abenteuer des Maturanten Adam Kiss in vier Jahren spielen sich ab wie Szenen in einem aufregenden Film. Auf einer Bildungsreise nach Paris, wird der fesche Reiter als französischer Soldat rekrutiert. Aus deutscher Gefangenschaft gelangt er durch einen verzweifelten Akt in die Österreichisch-Ungarische Armee. Unglaubliche Grausamkeit wird bei den Sturmangriffen an der russischen und dann an der italienischen Front zum Alltagserlebnis. Wir sind gefesselt und können das Buch nicht mehr weglegen. Was vor hundert Jahren geschah, wirkt wie eine Geschichte der Gegenwart. Kommentar der Redaktion: Aufgrund der aktuellen politischen Lage hat mich das Buch sehr erschrocken und zum Teil richtig Angst gemacht. Hoffen wir, dass uns solche Geschichten nur noch in der Literatur erreichen.

 

 

Iván Sándor: Husar in der Hölle - 1914

Rolf Fath

Badischen Neuesten Nachrichten

4.Juli 2o14

Höllentrip

 

„Die Kriegsfronten, die Sándor beschreibt, unterscheiden sich nicht, `wie die nicht bestatteten Toten sich nicht unterschieden, höchstens durch die ungarischen, österreichischen, russischen, serbischen, italienischen Uniformen... ́ Hier wie dort blutende Leiber, sterbende Menschen und Pferde, nur ausnahmsweise eine kurze Liebe. Doch das ist ein anderer Roman, den Sandor geschickt als Rahmen nutzt und er im Gegensatz zu den Schilderungen des Krieges und dessen perfide ausgefeilter Maschinerie, eher diskrete Andeutung bleibt.“

 

Iván Sándor: Husar in der Hölle - 1914

Neues Volksblatt

26.Juni 2o14.

 

„Mit einem spannenden Roman zum Thema Erster Weltkrieg stellt sich der hierzulande wenig bekannte ungarische Autor Iván Sándor ein....In drastischen, erschütternden Bildern schildert Sándor, wie der Krieg Menschen, auch den Helden, verändert. Und das wird wohl so bleiben, solange es Kriege gibt.“

 

Iván Sándor: Husar in der Hölle - 1914

Barbara Brunner

Sortimenter-Brief

6/14.

  

„Wenn der Roman von einem der renommiertesten ungarischen Schriftsteller, Iván Sándor, von einem der genialsten Übersetzter, György Buda, ins Deutsche übertragen wird, dann kann man sich auf literarischen Genuss der Sonderklasse freuen...Das alles wird in einer eindringlichen poetischen Sprache berichtet, lesend verfolgt man die Geschichten wie Bilder, die hinter einem dicken Panzerglas gesichert sind. Und schrittweise führt uns Iván Sándor auch wieder aus den Tableaus heraus und lässt uns die Rätsel der kunstvollen Zusammenhänge der einzelnen Bilder lösen. Darf man den Schrecken und das Unfassbare in so schönen, kunstvollen Sätzen beschreiben? Man darf, und man sollte dieses Buch mehr als einmal lesen.“