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Erscheint im Oktober 2018

 

Zsuzsa Selyem 

Regen in Moskau

 

Zsuzsa Selyem

Regen in Moskau

170 Seiten, 130x204

Gebunden mit Schutzumschlag

ISBN 978-3-9503906-6-7

Aus dem Ungarischen von Eva Zador

 

Erscheint im Oktober 2018

 

Leseprobe 

Zsuzsa Selyem

Regen in Moskau

 

Donau 1954

 

Der Dreifaltigkeitstest braust über den Himmel, das Anthropozän bricht an. Es gibt  etwas Neues unter der Sonne.

Die Homines schleppen ein Netz ans Ufer, darin glitschiges Fleisch, doch kein Fisch. Die Augen offen, aber es sieht nicht. Die anderen umringen das Wunderwesen, beratschlagen, was das wohl wäre, woher es käme, wie es schmecken könnte. Ich säubere mich, strecke mich, früher oder später bekomme ich ohnehin etwas ab.

Hier unten an der stillen Donau wird recht viel aus dem Wasser gezerrt. Ich war erst ein Jahr alt in meinem aktuellen Leben, als der brüllende, stinkende Lastwagen eine große Truppe von Homines anbrachte. Ich mag dieses tuckernde Ding der Homines nicht, schon zwei meiner Leben sind draufgegangen, weil ich das sich nähernde Licht zwar gesehen, den idiotischen Klang zwar gehört, auch den Benzingeruch gespürt habe, es mich aber trotzdem überfahren hat. Und den anderen ergeht es auch ständig so. So ist es eben, let's face it: Die Homines können das Verhältnis von eigener Fähigkeit und Besitzwunsch nicht gut genug abschätzen, wir Katzen hingegen die Geschwindigkeit. Sodass ich lieber an einem solchen Ort wiedergeboren wurde, wo es wenige Maschinen gab und wenige Straßen und fast gar keinen Verkehr. Nur Kalten Krieg.

An einem solchen Ort ist das Leben natürlich mühseliger. Wenn die Humanpopulation gering ist und Lumpen trägt, dann gibt es keine Mülleimer, und wenn es keine Mülleimer gibt, was frisst dann so ein Freiberufler, wie ich es bin? Für jeden Bissen Maus, Maulwurf oder Spatz muss man Stunden auf der Lauer liegen. Dazu noch die Kälte. Außer zwei Baracken gibt es kein anderes Gebäude, im Winter weht der Crivaţ erbarmungslos, mit größerer Geschwindigkeit als diese Autos, die mich einst überfahren haben. Nur hat diese Geschwindigkeit eben kein Gewicht, sie hat kein Objekt, hat nichts; man weiß nicht, woher sie kommt und wohin sie geht. Sie ist nur Geschwindigkeit.

Der Frühling hingegen, der ist okay. Der macht mich zwar wahnsinnig, ist aber okay. Und der Sommer, der Sommer ist mega-okay. Dieser feine, warme, salzige Dunst, der vom Meer hierher schwebt, das Dösen an der Sonne, im Schatten, die Dolce vita, der üppig faulende Stoff. Zu dieser Zeit suche ich niemandes Gesellschaft, betrachte nur aus der Ferne, wie die kleine Humantruppe sich bis zu den Schenkeln im Reis wiegt und mit der Sense die Stiele abschneidet, dabei kreischen sie, hach, ein Blutegel, schlagen wild um sich, hach, ein Blutegel, schlagen wild um sich, waten aber unerschütterlich weiter durchs Reisfeld, weil es das war, was sie im Kalten Krieg abbekommen haben.

An bedeutenderen Orten brummt natürlich die Drohpolitik, die Filmindustrie Gut vs Böse, das nukleare Wimbledon. Sie sehen und wissen, weil es ihnen gezeigt und erklärt wird, auf wessen Seite man stehen muss. Im Hintergrund die dekorativen Elemente: Palmen, Regenwälder, Eiswüsten, Ozeane, alle voll mit weniger fotogenen Lebewesen, die in die Röhre gucken werden, aber das ist da kein Thema.

[…]

Am Morgen des Kalten Krieges veröffentlichte das Time Magazine auf dem Titelblatt seiner Ausgabe vom 20. September 1948 das Porträt von Ana Pauker. Damals galt sie als eine der einflussreichsten Frauen. Der Titel des Artikels lautete: „Das Mädchen, das Windbeutel hasste“. Es ging nicht darum, wie es war, in Bukarest so aufzuwachsen, dass die Gesetze ihr nicht erlaubten, die Schule zu besuchen, wie es war, zur Zeit des Pogroms Juden zu retten, Ziel war es, dass vor dem werten Leser und Windbeutel-Liebhaber ein Ungeheuer erschien.

Die kleinere Tochter Beczásys, die meist hungerte, so sehr, dass sie Brot aus dem Laden stehlen musste, erhielt zu jedem Monatsanfang per Post etwas Geld aus Dobrudscha, und damit ging sie geradewegs in die Konditorei und bestellte sich drei Bomben. Bunte, sahnige, fürchterlich süße Gebäckstücke. Das verlassene Mädchen kämpfte gegen den Brechreiz an, doch einmal im Monat stopfte es sie in sich hinein. Das kann ich natürlich hier, in der Kälte von Dobrudscha, in der Gesellschaft von Beczásy und Zina eigentlich nicht wissen, sodass mich nichts daran hindert, diese Gebäckstücke, die sich Tányicska einmal im Monat konsequent befahl zu verspeisen, das Gerät, Kleiner Junge und Dicker Mann zu nennen.

Es gab da diesen Witz, dass jemand beim Radio Jerewan anruft:

Können Sie mir bitte sagen, warum Ana Pauker mit dem Regenschirm durch die Bukarester Straßen läuft, wo doch die Sonne scheint?

Aber sicher: Weil es in Moskau regnet.

Regen im Kongo, Regen in Monrovia, Regen in Bagdad, Regen in Falludscha, Regen in Jerusalem, Regen in Guinea-Bissau.

Auch mich rettete die Bombe von Schönheit ein paar Jahre später, in Rom. Ich war eine ausgesetzte kleine Katze, zitterte dort allein in der dunklen Straße, als sie tänzelnd mit ihrem blonden Haar, in dem Kleid mit Schleppe dort entlang kam, mich auf ihren Kopf setzte und lachte. Dann erblickte sie den Trevi-Brunnen, today it's raining in paradise, setzte mich auf die Erde, ich aber maunzte vergeblich, sie watete ins Wasser, blickte sich nicht einmal um.

 

Aus dem Ungarischen von Eva Zador