Vorschau

ERSCHEINT im Oktober 2017 

Krisztina Tóth 
Die brennende Braut 

Tibor Noé Kiss 
Stumme Wiesen

 

 


Krisztina Tóth
 
Die brennende Braut 
Schicksalshafte Momente, verlorene Chancen, groteske Lebenssituationen - 40 neue Novellen; Übersetzung von György Buda 

Krisztina Tóth, geboren 1967, publiziert seit 1989, zuerst Gedichte und seit 2006 auch Prosabände. Sie war Bildhauerin, lehrt Kreatives Schreiben und übersetzt franzözische Poesie ins Ungarische.

Beim Nischen Verlag: Pixel, 2013, Aquarium, 2015. Für Aquarium war die Autorin gemeinsam mit ihrem Übersetzer György Buda für den Internationalen Literaturpreis Berlin nominiert.

 

Krisztina Tóth - Die brennende Braut 

 

Was sucht eine Leiche in einer Ausstellung? Wohin fahren die Gastarbeiter aus Siebenbürgen in ihrem Kleinbus? Was geschah mit der Frau, der der Kopf in einem Supermarkt plötzlich heruntergefallen war?

Die Erzählungen Krisztina Tóths sind Momentaufnahmen, Spiegelscherben aus dem Ungarn der vergangenen Jahrzehnte. Die Lebenslügen hin und her geworfener kleiner Leute und ihre täglichen Übungen im Überleben. Ausgelieferte Jugendliche und Kinder, Obdachlose und Arme, sich abplagende Mittelschicht und lebensüberdrüssige Celebs. Scheinbar uns allen bekannte, banale Situationen, in denen die Akteure zwar an verschiedenen Orten leben, ihre Möglichkeiten und Wünsche weichen stark voneinander ab, eines aber haben sie gemein: Sie stehen vor Augenblicken der Schicksalswende. Beinahe alle aber schieben die Entscheidung hinaus.

 

Leseprobe 

 

Die unbeteiligt wirkende Erzählerin beobachtet diese Vorgänge aber leidenschaftlich und überaus empfindsam, als lese sie die Welt mit ihren eigenen Wunden. Sie schildert das vielfältige zwischenmenschliche Beziehungsgeflecht und während sie von schweren Schicksalen und zuweilen grotesken Szenen erzählt, blitzt überraschend ihr sublimer und sarkastischer Humor auf.

Die junge Frau hatte schon seit anderthalb Stunden mit der Tasche in der Tür gewartet, als der Mann endlich eintraf. Er entschuldigte sich, weil er weder angerufen noch eine SMS geschickt hatte, seine Frau sei ihm bis zuletzt nicht von der Seite gewichen, sogar die Holzkohle im Papiersack hätten sie gemeinsam im „Praktiker“ gekauft. Er habe sie kaum davon abbringen können, ihn zu begleiten, die Kinder seien nämlich bis Montag bei der Oma.
   „Holzkohle?“, fragte die Frau schon im Stiegenhaus. 
   Der Mann erklärte, die Holzkohle sei notwendig gewesen, weil er zu Hause vorgelogen habe, bei einem Kollegen im Gartenviertel zu einer Gartenparty eingeladen zu sein. Daraufhin hätte seine Frau beinahe begonnen, Kartoffelsalat mit Mayonnaise zu machen, ihre Spezialität, bis er in seiner Qual vorbrachte, ach, nein, das sei wirklich nicht notwendig, er habe lediglich versprochen, Holzkohle zum Grillen beizusteuern. 
   Sie warfen die Tasche der jungen Frau in den Kofferraum, da lag tatsächlich der große Papiersack. 
   Es war nicht leicht, aus der Innenstadt hinauszukommen, aber danach ging alles glatt. Während der Fahrt  begrapschte der Mann den Oberschenkel der jungen Frau und sie sinnierte, wann sie zuletzt Kartoffelsalat mit Mayonnaise gegessen habe. Lange her. Er ist voller Kalorien.
   Ihr Blick hatte sich gerade im Nichts verloren, auf der Straße, als der Mann plötzlich unverhofft das Lenkrad herumriss und neben dem Jägerzaun eines Gastgartens anhielt. Er ließ das Fenster herunter, während er mit der Rechten die Kurzwahltaste an seinem Telefon betätigte. Er blickte sie an und hob den Zeigefinger zum Mund, um anzudeuten, sie möge jetzt brav still sein.
   Im Gastgarten versammelte sich gerade eine größere Gesellschaft. Männer und Frauen um die vierzig rangierten mit den Eisenstühlen, schlugen einander auf den Rücken und lärmten. Vielleicht war das ein Maturatreffen.
   „Ich bin eben angekommen, aber ich muss schnell wieder aufhören, weil wir die Tische umstellen“, sagte der Mann ins Telefon. 
   Dann legte er tatsächlich auf, schaltete den Blinker ein und kurvte mit einem ebenso schnellen Manöver wieder auf die Straße zurück. Sie fuhren weiter. Nach einigen Minuten Stille sagte er:
   „tschuldige, ich dachte nur, die würden ein gutes Hintergrundgeräusch liefern. Es wäre schade gewesen, das zu verpassen.“
   Nach einigen weiteren Minuten des Schweigens sagte die junge Frau:
   „Wusstest du schon, dass die Japaner bereits Telefone mit integriertem Hintergrundgeräusch herstellen? Autobahn, Meeresrauschen, Kindergeschrei, so was.“

   Der Mann wusste das nicht, er schüttelte nur den Kopf und blinzelte in den Rückspiegel, er überholte. Sie schwiegen wieder, bis zur Pension. 

 

  

 

Tibor Noé Kiss 

Stumme Wiesen
Die nicht auf der Landkarte sind. Ein scharfer, unbarmherziger, ironischer Roman;

Übersetzung von Eva Zador 

Tibor Noé Kiss (1976) ist Schriftstellerin, Journalistin, Redakteurin bei einer Literaturzeitschrift und lebt in Pécs. Nach dem Studium der Soziologie absolvierte sie eine Journalistenschule. Sie organisierte unter anderem kulturelle Veranstaltungsreihen, führte Meinungsumfragen durch, jobbte als Zeitungsausträgerin und Fußballtrainerin für Jugendliche aus sozial schwachen Familien. Ihr erster Roman Inkognito, ihr Bekenntnis zu ihrer Transsexualität, erschien 2010. Stumme Wiesen ist ihr zweiter Roman.

Tibor Noé Kiss - Stumme Wiesen

 

Der Roman Stumme Wiesen von Tibor Noé Kiss ist keine leichte Lektüre.

Beschrieben wird eine reglose, düstere Welt ohne jegliche Aussicht oder Hoffnung, der Alltag einer Siedlung in der ungarischen Tiefebene, wo die Bewohner, die Gestalten des verlassenen Schlosses, der schäbigen Häuser, des Ladens und des einstigen Altersheims, nur deshalb bleiben, weil sie dort geboren wurden und keine Perspektive haben. Die Autorin nähert sich den Menschen, den Verlassenen und Ausgestoßenen, mit einem hohen Maß an Sensibilität, sie schafft starke Charaktere, die uns die Tragödie ihres verpfuschten Lebens verstehen lassen. Der fast soziografische Roman von einer Atmosphäre, die einem die Luft zum Atmen nimmt, ist ein Roman der Erkenntnis. Beim Lesen stellt sich uns die Frage, warum wir meinen, anders oder besser als die Figuren des Romans zu leben.

Ein Buch, das den Leser nicht zur Ruhe kommen lässt.

 

Leseprobe 

 

Die unter den Bäumen faulenden, aneinander klebenden Blätter flehten nach einem Orkan, vielleicht würde er sie endlich voneinander losreißen. Der Wind wirbelte, fächelte, streichelte, weiter, ganz nach seiner Laune. Die Blätter stiegen auf in die Luft. Alles begann von vorn.

Streunende Hunde schnüffelten im Staub. Sie wedelten mit den Schwänzen, gingen aufeinander los, winselten, rauften. Aber sie fanden nichts. Sie rannten zum Wasserturm, dann wieder zurück. Legten sich neben den Stall. Zu den Fliegen, in die Urinlachen. Der Güllegeruch zog sie an, sie warteten auf die Rinder, vielleicht würden sie einmal zurückkommen. Die Ställe standen leer. Der Schimmel überwucherte sie, die Stützbalken waren von Holzwürmern zerfressen. Zerfielen allmählich zu Staub, bis sie einmal nicht mehr wären. Auf der Koppel stapften die Pferde, Graurinder spitzten die Ohren. Die Hunde rannten neben der Koppel auf und ab, kläfften. Nicht einmal zufällig berührten sie den Zaun. Sie hatten ihre Lektion gelernt. Auch die Katzen trauten sich nicht aus den Gärten. Wenn es ihnen gelang, vor den Hunden zu fliehen, dann erhängten sie die Kinder an den Bäumen.

Der Hof des verlassenen Hauses liegt im Dämmerlicht. Der Keller des Hauses ist stickig. Die Kanten der Stufen bröckeln. Dort, wohin sie führen, gibt es kein Licht. Eine zusammengefaltete Bettdecke. Unter der Decke kratzt eine Maus. Der Spiegel ist voller Fingerabdrücke. Fünf kleine Fingerkuppen. Der runde Abdruck des Lippenstiftes auf dem Kunststoffregal. Um ihn herum Staub. Aus Zellophan zusammengeknüllte Kügelchen. Zerrissenes Schokoladenpapier. Ein Plüschtier, ein gepunktetes Hündchen. An der Schulter hängen die Innereien heraus, watteartiger, weißer Kunststoff. Ein rosa Höschen auf dem Boden. Auf dem Höschen schlafen Bären, Hasen und Rehe. Das Höschen ist aus dem Rucksack gefallen. Sie holt es nicht mehr.