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Neuerscheinung

  

2017

 

ERSCHEINT im Oktober 2017 

Krisztina Tóth 
Die brennende Braut 

Tibor Noé Kiss 
Stumme Wiesen


 

 


Krisztina Tóth
 
Die brennende Braut 
Schicksalshafte Momente, verlorene Chancen, groteske Lebenssituationen - 40 neue Novellen; Übersetzung von György Buda 

Krisztina Tóth, geboren 1967, publiziert seit 1989, zuerst Gedichte und seit 2006 auch Prosabände. Sie war Bildhauerin, lehrt Kreatives Schreiben und übersetzt franzözische Poesie ins Ungarische.

Beim Nischen Verlag: Pixel, 2013, Aquarium, 2015. Für Aquarium war die Autorin gemeinsam mit ihrem Übersetzer György Buda für den Internationalen Literaturpreis Berlin nominiert.

 

Krisztina Tóth - Die brennende Braut 

 

Was sucht eine Leiche in einer Ausstellung? Wohin fahren die Gastarbeiter aus Siebenbürgen in ihrem Kleinbus? Was geschah mit der Frau, der der Kopf in einem Supermarkt plötzlich heruntergefallen war?

Die Erzählungen Krisztina Tóths sind Momentaufnahmen, Spiegelscherben aus dem Ungarn der vergangenen Jahrzehnte. Die Lebenslügen hin und her geworfener kleiner Leute und ihre täglichen Übungen im Überleben. Ausgelieferte Jugendliche und Kinder, Obdachlose und Arme, sich abplagende Mittelschicht und lebensüberdrüssige Celebs. Scheinbar uns allen bekannte, banale Situationen, in denen die Akteure zwar an verschiedenen Orten leben, ihre Möglichkeiten und Wünsche weichen stark voneinander ab, eines aber haben sie gemein: Sie stehen vor Augenblicken der Schicksalswende. Beinahe alle aber schieben die Entscheidung hinaus.

Die unbeteiligt wirkende Erzählerin beobachtet diese Vorgänge aber leidenschaftlich und überaus empfindsam, als lese sie die Welt mit ihren eigenen Wunden. Sie schildert das vielfältige zwischenmenschliche Beziehungsgeflecht und während sie von schweren Schicksalen und zuweilen grotesken Szenen erzählt, blitzt überraschend ihr sublimer und sarkastischer Humor auf.

 

Leseprobe 

 

Die unbeteiligt wirkende Erzählerin beobachtet diese Vorgänge aber leidenschaftlich und überaus empfindsam, als lese sie die Welt mit ihren eigenen Wunden. Sie schildert das vielfältige zwischenmenschliche Beziehungsgeflecht und während sie von schweren Schicksalen und zuweilen grotesken Szenen erzählt, blitzt überraschend ihr sublimer und sarkastischer Humor auf.

Die junge Frau hatte schon seit anderthalb Stunden mit der Tasche in der Tür gewartet, als der Mann endlich eintraf. Er entschuldigte sich, weil er weder angerufen noch eine SMS geschickt hatte, seine Frau sei ihm bis zuletzt nicht von der Seite gewichen, sogar die Holzkohle im Papiersack hätten sie gemeinsam im „Praktiker“ gekauft. Er habe sie kaum davon abbringen können, ihn zu begleiten, die Kinder seien nämlich bis Montag bei der Oma.
   „Holzkohle?“, fragte die Frau schon im Stiegenhaus. 
   Der Mann erklärte, die Holzkohle sei notwendig gewesen, weil er zu Hause vorgelogen habe, bei einem Kollegen im Gartenviertel zu einer Gartenparty eingeladen zu sein. Daraufhin hätte seine Frau beinahe begonnen, Kartoffelsalat mit Mayonnaise zu machen, ihre Spezialität, bis er in seiner Qual vorbrachte, ach, nein, das sei wirklich nicht notwendig, er habe lediglich versprochen, Holzkohle zum Grillen beizusteuern. 
   Sie warfen die Tasche der jungen Frau in den Kofferraum, da lag tatsächlich der große Papiersack. 
   Es war nicht leicht, aus der Innenstadt hinauszukommen, aber danach ging alles glatt. Während der Fahrt  begrapschte der Mann den Oberschenkel der jungen Frau und sie sinnierte, wann sie zuletzt Kartoffelsalat mit Mayonnaise gegessen habe. Lange her. Er ist voller Kalorien.
   Ihr Blick hatte sich gerade im Nichts verloren, auf der Straße, als der Mann plötzlich unverhofft das Lenkrad herumriss und neben dem Jägerzaun eines Gastgartens anhielt. Er ließ das Fenster herunter, während er mit der Rechten die Kurzwahltaste an seinem Telefon betätigte. Er blickte sie an und hob den Zeigefinger zum Mund, um anzudeuten, sie möge jetzt brav still sein.
   Im Gastgarten versammelte sich gerade eine größere Gesellschaft. Männer und Frauen um die vierzig rangierten mit den Eisenstühlen, schlugen einander auf den Rücken und lärmten. Vielleicht war das ein Maturatreffen.
   „Ich bin eben angekommen, aber ich muss schnell wieder aufhören, weil wir die Tische umstellen“, sagte der Mann ins Telefon. 
   Dann legte er tatsächlich auf, schaltete den Blinker ein und kurvte mit einem ebenso schnellen Manöver wieder auf die Straße zurück. Sie fuhren weiter. Nach einigen Minuten Stille sagte er:
   „tschuldige, ich dachte nur, die würden ein gutes Hintergrundgeräusch liefern. Es wäre schade gewesen, das zu verpassen.“
   Nach einigen weiteren Minuten des Schweigens sagte die junge Frau:
   „Wusstest du schon, dass die Japaner bereits Telefone mit integriertem Hintergrundgeräusch herstellen? Autobahn, Meeresrauschen, Kindergeschrei, so was.“

   Der Mann wusste das nicht, er schüttelte nur den Kopf und blinzelte in den Rückspiegel, er überholte. Sie schwiegen wieder, bis zur Pension. 

 

 

 

  

 

Tibor Noé Kiss 

Stumme Wiesen
Die nicht auf der Landkarte sind. Ein scharfer, unbarmherziger, ironischer Roman;

Übersetzung von Eva Zador 

Tibor Noé Kiss (1976) ist Schriftstellerin, Journalistin, Redakteurin bei einer Literaturzeitschrift und lebt in Pécs. Nach dem Studium der Soziologie absolvierte sie eine Journalistenschule. Sie organisierte unter anderem kulturelle Veranstaltungsreihen, führte Meinungsumfragen durch, jobbte als Zeitungsausträgerin und Fußballtrainerin für Jugendliche aus sozial schwachen Familien. Ihr erster Roman Inkognito, ihr Bekenntnis zu ihrer Transsexualität, erschien 2010. Stumme Wiesen ist ihr zweiter Roman.

Tibor Noé Kiss - Stumme Wiesen

 

Der Roman Stumme Wiesen von Tibor Noé Kiss ist keine leichte Lektüre.

Beschrieben wird eine reglose, düstere Welt ohne jegliche Aussicht oder Hoffnung, der Alltag einer Siedlung in der ungarischen Tiefebene, wo die Bewohner, die Gestalten des verlassenen Schlosses, der schäbigen Häuser, des Ladens und des einstigen Altersheims, nur deshalb bleiben, weil sie dort geboren wurden und keine Perspektive haben. Die Autorin nähert sich den Menschen, den Verlassenen und Ausgestoßenen, mit einem hohen Maß an Sensibilität, sie schafft starke Charaktere, die uns die Tragödie ihres verpfuschten Lebens verstehen lassen. Der fast soziografische Roman von einer Atmosphäre, die einem die Luft zum Atmen nimmt, ist ein Roman der Erkenntnis. Beim Lesen stellt sich uns die Frage, warum wir meinen, anders oder besser als die Figuren des Romans zu leben.

Ein Buch, das den Leser nicht zur Ruhe kommen lässt.

 

Leseprobe 

 

Die unter den Bäumen faulenden, aneinander klebenden Blätter flehten nach einem Orkan, vielleicht würde er sie endlich voneinander losreißen. Der Wind wirbelte, fächelte, streichelte, weiter, ganz nach seiner Laune. Die Blätter stiegen auf in die Luft. Alles begann von vorn.

Streunende Hunde schnüffelten im Staub. Sie wedelten mit den Schwänzen, gingen aufeinander los, winselten, rauften. Aber sie fanden nichts. Sie rannten zum Wasserturm, dann wieder zurück. Legten sich neben den Stall. Zu den Fliegen, in die Urinlachen. Der Güllegeruch zog sie an, sie warteten auf die Rinder, vielleicht würden sie einmal zurückkommen. Die Ställe standen leer. Der Schimmel überwucherte sie, die Stützbalken waren von Holzwürmern zerfressen. Zerfielen allmählich zu Staub, bis sie einmal nicht mehr wären. Auf der Koppel stapften die Pferde, Graurinder spitzten die Ohren. Die Hunde rannten neben der Koppel auf und ab, kläfften. Nicht einmal zufällig berührten sie den Zaun. Sie hatten ihre Lektion gelernt. Auch die Katzen trauten sich nicht aus den Gärten. Wenn es ihnen gelang, vor den Hunden zu fliehen, dann erhängten sie die Kinder an den Bäumen.

Der Hof des verlassenen Hauses liegt im Dämmerlicht. Der Keller des Hauses ist stickig. Die Kanten der Stufen bröckeln. Dort, wohin sie führen, gibt es kein Licht. Eine zusammengefaltete Bettdecke. Unter der Decke kratzt eine Maus. Der Spiegel ist voller Fingerabdrücke. Fünf kleine Fingerkuppen. Der runde Abdruck des Lippenstiftes auf dem Kunststoffregal. Um ihn herum Staub. Aus Zellophan zusammengeknüllte Kügelchen. Zerrissenes Schokoladenpapier. Ein Plüschtier, ein gepunktetes Hündchen. An der Schulter hängen die Innereien heraus, watteartiger, weißer Kunststoff. Ein rosa Höschen auf dem Boden. Auf dem Höschen schlafen Bären, Hasen und Rehe. Das Höschen ist aus dem Rucksack gefallen. Sie holt es nicht mehr.

 

 

 

 



 

 

2016

 

 


Gergely Péterfy: Der ausgestopfte Barbar

 

Aus dem Ungarischen von György Buda

 

556 Seiten
ISBN 978-3-9503906-2-9
€ 28.-
  

Zu kaufen bei Amazon

Erhältlich im gutsortierten Buchhandel 

  

Das Buch Gergely Péterfys, Der ausgestopfte Barbar, war in den letzten Jahren einer der größten Erfolge auf dem ungarischen Buchmarkt. Im Jahr seines Erscheinens, 2015, erhielt es den angesehenen nicht staatlichen Literaturpreis Aegon, es erlebte bisher 5 Auflagen von insgesamt 15.000 Exemplaren.

Der meisterhaft durchkomponierte, mit hervorragenden historischen Kenntnissen und feinen sprachlichen Trouvaillen verfasste, bis zuletzt spannende und zum Weiterlesen verführende historische Roman stellt die Arbeit von zehn Jahren dar, der Autor hat seine Dissertation über die Gestalt Angelo Solimans geschrieben und dazu im österreichischen Staatsarchiv, im Freimaurerarchiv und in der österreichischen Nationalbibliothek Nachforschungen angestellt.

Von den beiden Hauptakteuren des Romans dürfte den österreichischen Leserinnen und Lesern die Figur des Angelo Soliman bekannt sein.

Soliman (etwa 1720-1798) war zur Zeit der Aufklärung in Wien eine berühmte Persönlichkeit. Der Freimaurer und zahlreicher Sprachen mächtige Naturwissenschafter von Format kam im Kindesalter als Sklave, gleichsam ein „exotisches Geschenk“, aus Schwarzafrika nach Europa. Dank den Erziehungstheorien seiner Zeit bekam er am Fürstenhof eine hervorragende Ausbildung und wurde zu einem brillanten Geist seiner Epoche.

Er erhielt, zunächst am Hof des Fürsten Lobkowitz, dann in Wien als Höfling des Fürsten Liechtenstein eine vielfältige Bildung und bewegte sich in Kreisen der Freimaurer. Er bereiste Europa und pflegte gute Beziehungen zu Kaiser Joseph II., zu Ignaz von Born, dem großen Mineralogen und Meister vom Stuhl der Loge Zur wahren Eintracht. Angelo war zugleich Jahrmarktsattraktion, lebende Statue der Fremdheit, ein guter Unterhalter, scharfsinniger Wissenschafter, ein echter Universalgelehrter, der sich innerhalb der Naturwissenschaften speziell in die Medizinwissenschaften vertieft hatte, und der nach seinem Tod zum Symbol der Verhöhnung der Menschlichkeit wurde.

Dass jemand von seinen eigenen Freunden ausgestopft werden muss, ist eine wahrlich absurde Situation. Soliman kannte nämlich den Doktor und auch Franz Thaller, den Hofbildhauer, er war mit ihnen befreundet. Seine Haut wurde auf eine Statue aus Holz gespannt und als namenloses Exemplar seiner „Rasse“ im Hof-Naturalien-Cabinet, dem Vorgänger des Naturhistorischen Museums, ausgestellt, bis sie in einem Feuer bei den Kämpfen des Jahres 1848 zugrunde ging.

Erzählt wird der Roman von Sophie Török, der Witwe Kazinczys, einer frei denkenden, gebildeten, nach dem Maßstab ihrer Zeit emanzipierten Frau. Vor dem ausgestopften Körper Angelos erinnert sie sich an die Erzählungen ihres Mannes aus seiner Jugend, deren Schlüsselfigur der „schwarze Freund“ gewesen ist.

Was bedeutet es, in der Welt fremd zu sein? Als der ungarische Dichter in der ungarischen Nationaltracht und der dunkelhäutige „Lakai“ in bunten Seidenkleidern über den Wiener Graben flanierten, war es sicher schwer zu entscheiden, welcher der beiden hier fremder war.

Wer war Ferenc Kazinczy, der andere Held des Romans?

Kazinczy wurde 1759 als Sohn einer adeligen Familie geboren, er betätigte sich als Literaturübersetzer, Schriftsteller, Literaturorganisator und war eine Leitfigur der ungarischen Aufklärung von großem Ansehen. Er gründete das erste ungarische Literaturjournal, übersetzte Goethe, Shakespeare, Molière, dazu antike Autoren. Er nahm Teil an der Gründung der Ungarischen Akademie der Wissenschaften, verfasste Reiseberichte, das Tagebuch meiner Gefangenschaft ist ein herausragendes Werk der biographischen Literatur; an die sechshundert seiner Briefe sind bekannt.

Im Prozess um Martinovics wurde er wegen seiner Verbindungen zu den Freimaurern angeklagt. Der kaiserliche Hof milderte sein Todesurteil zur Freiheitsstrafe. Kazinczy verbrachte 2.387 Tage in diversen Gefängnissen, unter anderem auch in Kufstein. Während seiner Gefängnisjahre beraubte ihn seine Familie aller seiner Habe, nur ein kleiner Landsitz blieb ihm, Széphalom, wo er mit seiner Ehefrau Gräfin Sophie Török, die seine Bestrebungen unterstützte, versuchte, das Leben eines wahren Europäers zu führen. Die Tragödie seines Lebens war, dass er in einer ignoranten, despotischen und ungerechten Gesellschaft in einem von den Türken verwüsteten Gebiet gegen Ende des 18. Jahrhunderts versuchte, nach Lichtjahren entfernten westlichen kulturellen Maßstäben zu denken und zu leben.

Er starb 1831 als ein Opfer der Choleraepidemie, die damals über ganz Nordungarn hinwegzog.

Ferenc Kazinczy kämpfte für den Aufschwung seines Landes, doch unterlag er den Vertretern einer geistlosen, banalen Gesinnung.

Er war ein tragischer Kämpfer gegen Windmühlen, der daran glaubte, mit der Erneuerung der Sprache könne auch eine neue Welt errichtet werden, und dass die Menschen durch die Erschaffung einer Sprache der Freiheit besser, selbständiger, mutiger und klüger werden. Als ehemaliger Sträfling und Freimaurer lebte er in einem Umfeld der ständigen Verdächtigungen. Manche hassten ihn wegen seines Kosmopolitismus, andere wieder wegen seines Ungarntums.

„Ich musste noch viele Erfahrungen machen, um zu lernen: Ich bin nirgends zu Hause.“

Das Buch kann gleichermaßen als das Märchen des hoffnungslosen Kampfes eines verfluchten ungarischen Genies gelesen werden, als melancholische Kritik der Aufklärung sowie als Biographie gelehrter Geister von großer Bedeutung, denen besondere Leiden und Freuden zuteilwurden. Angelo Soliman und Ferenc Kazinczy waren trotz aller ihrer Unterschiedlichkeiten nicht nur Freunde, einer spiegelte vielmehr den anderen wider. Beide lebten ihr Leben als Gefangene, Kazinczy eingekerkert in seinem Geist, Soliman, dessen Gelehrtheit größer war als die vieler seiner Zeitgenossen, in seinem Körper.

Das Buch erzählt, wie menschliche Bosheit und Dummheit auf Idealen des Geistes und der Schönheit beruhende Existenzformen vernichtet.

 



LeseprobeGergely Péterfy

Schriftsteller, Drehbuchautor, Lektor, er diplomierte im Fach Latein-Griechisch an der ungarischen Universität der Wissenschaften ELTE.

In deutscher Sprache erschienen:

Baggersee (original: Bányató), Zsolnay Verlag 2008, aus dem Ungarischen von Ágnes Relle

 

 

 

 

                                Leseprobe

 

 

  

 

 

 

 

 


Ferenc Barnás: Ein anderer Tod

 

Aus dem Ungarischen von Eva Zador

360 Seiten
ISBN 978-3-9503906-3-6
€ 22.- 

Zu kaufen bei Amazon

Erhältlich im gutsortierten Buchhandel 

 

Ein ehemaliger Universitätsdozent in Budapest fällt psychisch und existenziell ins Bodenlose. Ein in Deutschland lebender Kellner entwickelt Schlafstörungen und bringt sich um. Eine ungarische Aristokratin pendelt zwischen ihren Leben als Klempnerin, als Taxifahrerin und als Schutzengel eines der bedeutendsten ungarischen Autoren des 20. Jahrhunderts. Die Geschehnisse in einem Genfer Restaurant werden rekonstruiert und zeigen ein enge Verbindung mit den blutigen Ereignissen in Bosnien. Momentaufnahmen aus dem ungarischen Alltag nach der Wende... 

Die parallele Erzählung der verschiedenen Stränge weckt die Spannung, dieses literarische Geflecht – wie in einem guten Krimi – zu enträtseln. Ein anderer Tod ist der groß angelegte schriftstellerische Versuch, die verborgenen Zusammenhänge zwischen dem persönlichen Schicksal und der Zeitgeschichte aufzuzeigen. Der Roman wurde 2013 in Ungarn mit dem angesehenen Aegon-Literaturpreis als das beste Buch des Jahres ausgezeichnet.

„Ein wunderbarer ungarischer Schriftsteller – noch einer! – ist zu entdecken.“ (Jörg Plath, NZZ)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

 

2015

 

 

László Szilasi: Die dritte Brücke

 

 

 

Aus dem Ungarischen von Eva Zador 


ISBN 978-3-9503906-1-2

 

Seiten 380

 

€ 22

 

Zu kaufen bei Amazon

Erhältlich im gutsortierten Buchhandel

 

 

Der einstige kanadische Emigrant, der aus Deutschland heimgekehrte Ermittler und der in Ungarn gebliebene Straßenmusiker erleben und erzählen ihr Leben in dem Roman, der einen einzigen Tag umfasst. Ort der Handlung ist das sonnige Szeged mit seinen schon fast kultischen Schauplätzen: dem Domplatz, den schön gepflasterten Straßen der Innenstadt, dem schattigen Theiß-Ufer, der alten Franziskanerkirche. Doch in der Handlung entfalten sich keineswegs heitere und glückliche Schicksale, sondern die kältesten Seiten und die Tiefen menschlichen Daseins. Die Geschichte beginnt mit einem Klassentreffen, um ihr Fenster dann für Heldentaten und Schwächen, Betrügereien, verschwiegene Ereignisse, sich in Nichts auflösende Träume, verborgene Leben, jugendliche Vergehen und Freuden zu öffnen. Menschen mittleren Alters, alte Freunde erzählen oder verschweigen, was in den vergangenen dreißig Jahren mit ihnen geschehen ist und was jetzt mit ihnen geschieht. Gutes, Schlechtes, Wahres und Gelogenes.
Aus diesem Roman erfahren wir auch, wo die Sätze zu Hause sind: in Herz, Körper, Seele, Geist. Natürlich. Doch das wichtigste Zuhause der Sätze ist das Schicksal des Menschen und seine Hinfälligkeit, wobei er doch nie Ruhe findet.

Ein mutiger, deprimierender, beunruhigender, kathartischer Roman.

László Darvasi

 


Krisztina Tóth: Aquarium

 

Aus dem Ungarischen György Buda 

ISBN 978-3-9503345-9-3

Seiten 280

€ 23

Zu kaufen bei Amazon

Erhältlich im gutsortierten Buchhandel

 

Der Roman führt uns in die verdrängte Vergangenheit Ungarns zurück, in die dunkelsten Jahrzehnte unmittelbar nach dem  Zweiten Weltkrieg, als das kollektive Unbewusste der heutigen Gesellschaft geprägt wurde. Diese Zeit bleibt unbewältigt, aber Krisztina Tóth zeigt uns, dass das Verdrängte beschreibbar ist; erbarmungslos sezierend, wo es die Ehrlichkeit gebietet. Ihr unbestechlicher Blick auf das menschliche Elend lässt den Leser aufgewühlt zurück. Ihre Helden leben gleichsam in einem Aquarium, die einen vegetieren im fauligen Wasser dahin, andere wollen ausbrechen, doch sie scheitern schicksalhaft. Die meisten ergeben sich ihrem Los, dem Gefangensein in einer gesellschaftlichen Schicht, in einem Land hinter dem Eisernen Vorhang. Ist der Roman pessimistisch? Hoffnungslos? Nein, aber er ist schonungslos, er nimmt den Leser ernst und bietet keine naiven Lösungen an. Allerdings finden sich in diesem gläsernen Sarg der vergebenen politischen Chancen selbst bei den dunkelsten Schemen noch Züge rührender Liebenswürdigkeit und traurigen Humors.

„Warum wolltest du diese Gänsefeder verkaufen, warum? Wozu brauchst du denn ein Geld?“, fragte sie später, als sie im Krankenhaus auf dem Gehsteig Richtung Ansteckende Abteilung gingen.

„Damit ich reich werde“, antwortete das Kind ganz natürlich. Die Tante blieb stehen und blickte Vera sehr ernst in die Augen, als wollte sie einen wichtigen, lebenslang gültigen Sachverhalt aussprechen.

„Reich?! Aber wir sind doch arm! Wer arm ist, der wird niemals reich. Niemals. Höchstens ein Armer, der Geld hat. Reich wird ein Armer nie. Merk dir das!“, sagte sie eindringlich und drückte dabei Veras Hand.

 

 

Ferenc Barnás: Der Neunte

 

Aus dem Ungarischen Eva Zador 

ISBN 978-3-9503906-0-5

Seiten 224

€ 21

Zu kaufen bei Amazon

Erhältlich im gutsortierten Buchhandel

 

Ferenc Barnás wurde 1959 in Debrecen geboren. Er besuchte das Franziskanergymnasium in Szentendre und studierte in Debrecen, Budapest und München. Er machte sein Diplom in den Fächern Literatur und Ästhetik an der Budapester Universität ELTE, hier erhielt er 1990 auch seinen Doktortitel, seine Dissertation beschäftigte sich mit dem Weltbild Hermann Hesses. Barnás unterrichtete in verschiedenen Gymnasien mit künstlerischem Schwerpunkt sowie am Lehrstuhl für Kulturgeschichte der Budapester Universität. Von 1994 bis 2000 war er als freischaffender Schriftsteller tätig und verbrachte jährlich mehrere Monate als Straßenmusiker in Deutschland, der Schweiz, England, Frankreich, Italien und Österreich. Seit dem Jahr 2000 arbeitet er als Museumswärter.

Seine ersten beiden Romane sind im Kalligram Verlag erschienen: 1997 Az élősködő [Der Parasit] und 2000 Bagatell [Bagatelle]. Sein Roman A kilencedik [Der Neunte], erschienen 2006 im Magvető Verlag, hatte bei den Kritikern großen Erfolg, 2009 wurde er auch in englischer Sprache herausgegeben und ein Jahr später für die Auszeichnung als beste ausländische Romanübersetzung (Three Percent, USA) sowie für den internationalen Literaturpreis IMPAC Dublin nominiert. Der Roman wurde 2014 erneut vom Kalligram Verlag herausgegeben. Der vierte Roman von Ferenc Barnás mit dem Titel Másik halál [Der andere Tod] ist 2012 im Kalligram Verlag erschienen und wurde 2013 mit dem Aegon-Literaturpreis ausgezeichnet.

Ferenc Barnás erhielt 2001 den Márai-Preis und 2006 den Déry-Preis. Der Neunte ist eine erschütternde und dramatische Beschreibung des Elends

Der Erzähler ist ein neunjähriger Junge, das neunte Kind einer gläubigen katholischen Familie, die in tiefer Armut auf kaum zwanzig Quadratmetern zusammenlebt. Der Roman spielt 1968, während der kommunistischen Diktatur, einer Zeit voller Lügen und Zwang, erzählt werden die Geschehnisse von etwas mehr als einem Jahr, in dem der Junge ständig um das nötige Essen, um Kleidung und einen Schlafplatz kämpft.

Der Autor beschwört in einer eigenartig klaren, kindlichen Sprache die bedrückende Atmosphäre dieses Lebens, die grausame Öde in Familie und Schule, dieses quälende Elend voller Hunger, Entbehrung und Scham.

Der Leser wird unmittelbar hineingerissen in die Traumata dieser Kindheit, in das Schuldbewusstsein und den Alltag dieser Zeit. Die Sprachkunst des Buches verweist mit seinen kargen Worten auf die Abgründe des Unausgesprochenen.

Dieser autobiografisch inspirierte Roman wurde in der Kritik als wahres Meisterwerk gefeiert.

Der Nischen Verlag plant im Jahr 2016 auch die deutsche Veröffentlichung des Romans Der andere Tod.

Während die Kádár-Ära viele Ungarn zu Opportunisten und Komplizen machte, erzählt der neunjährige Held des Romans sein Jahr 1968, von dem Leben der zwölfköpfigen Familie und seinen Erlebnissen, an deren Ende ein eigenes Vergehen steht, in einer reinen und schonungslosen Sprache. Den Rahmen bildet der Kampf des Vaters, eines ehemaligen Offiziers, der heimlich mit Rosenkränzen handelt, und der Mutter, die mit einer verschroben katholischen Spiritualität die Familie zusammenhält: An einem großen Haus wird gebaut, bis dahin aber ziehen die Eltern ihre zehn Kinder in einer winzigen Wohnung bei Budapest auf.  Außer ihnen gibt es da noch den mit Sündengrafiken hantierenden Pfarrer, die kommunistische Baubrigade, den dichtenden Redakteur einer katholischen Zeitung, die gut riechende Lehrerin und die Mitschüler, bedrohlich und verlockend. Der Neunte ist nicht nur die ergreifende Geschichte einer facettenreichen Familie in absoluter Armut, sondern auch in Gestalt des namenlosen Helden ein sinnliches Zeugnis osteuropäischer Daseinskämpfe; der Roman enthüllt das Gewebe seelischer und praktischer Gewalt mit einer verhaltenen Poesie voller Schmerz und untergründiger Sehnsucht.

"Wir sind alle in Debrecen geboren, also im Krankenhaus. Mutter hat auf die Entbindungsstation immer ein Holzkreuz mitgenommen, dabei hatte ihr Doktor Szilágyi gesagt: „Meine Liebe, das wird kein gutes Ende nehmen, schon das letzte Mal habe ich fast Schwierigkeiten bekommen.“ Mutter zuckte nur mit den Schultern, während sie im Inneren weinte, was vielleicht auch die anderen sehen konnten, Doktor Szilágyi aber ganz bestimmt, dann legte sie sich auf das Entbindungsbett, hielt das Holzkreuz ganz fest in der Hand, und wir kamen. Ich war der Neunte."

Ferenc Barnás